“Du sollst dir kein Bildnis machen…”

14/02/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

CoverJudentum, Christentum und Islam kennen ein sogenanntes Bilderverbot. Dennoch sind die von ihnen geprägten Kulturräume keineswegs bilderlos. Vielmehr haben sie je eigene künstlerisch-ästhetische Traditionen ausgeprägt, etwa in den Bereichen Kalligrafie, Architektur, bildende Künste. Welche Rolle spielen Bilder im Religionsunterricht von Judentum, Christentum und Islam? Wie können Juden, Christen und Muslime angesichts von Medialisierung und „iconic turn“ so mit Bildern umgehen, dass ihr Religionsunterricht weder realitätsfern noch traditionsvergessen ist?

Zur Beantwortung dieser Fragen werden grundlegende theologische sowie kunstgeschichtliche Einsichten aus den drei Religionen, zudem bilddidaktische Zugänge aus Kunstdidaktik und einschlägigen Religionsdidaktiken vorgestellt.

Mit einem Aufsatz von mir mit dem Titel “Bilderverbot und bildende Kunst im Urteil des Qur’an und der klassischen muslimischen Gelehrsamkeit. Eine Spurensuche”.

Hier zu erwerben: http://www.frank-timme.de/verlag/verlagsprogramm/buch/verlagsprogramm/bd-03-bernd-schroederharry-harun-behrdaniel-krochmalnik-du-sollst-dir-kein-bildnis-machen/backPID/religionspaedagogische-gespraeche-zwischen-juden-christen-und-muslimen.html

 

 

Das Frauenmuseum in Istanbul

13/01/2013 § 2 Kommentare

In Istanbul entsteht zurzeit ein interessantes Museum, das sich “Frauenmuseum” nennt. Die Website kann auf Türkisch, Englisch, Deutsch und Italienisch gelesen werden. Dort werden interessante Persönlichkeiten vorgstellt, die vor allem im Bereich der Künste und der Publizistik tätig waren. Die Malerin Fahrünnisa Zeid sagte zum Beispiel “Immer, wenn ich male, spüre ich, dass ich mit allen Lebewesen, d.h. mit dem ganzen Universum, das die Summe der stillen Vielfalt der Existenz ist, eine Einheit werde. Dann bin ich nicht mehr ich. Ich werde zu einer Vulkan, der Steine und Feuer ausspuckt. Aus mir heraus springen Bilder, die mich gleichzeitig reinigen. Ich werde ein Teil des Schaffensprozesses.” Das Bild zeigt ein Selbstporträt von Fahrünnisa Zeid.

http://www.istanbulkadinmuzesi.org/en

Hier gibt es noch einige interessante Informationen zum Lebensstil und zur Biografie dieser Künstlerin: http://www.antikalar.com/v2/konuk/konuk0902.asp

„Einen Durst nach Wissen“, IZ-Interview (Juni 2012)

13/01/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

“IZ-Begegnung” mit der angehenden “islamischen Theologin”, Journalistin und Herausgeberin Nimet Seker über ihren Studiengang und den Stand muslimischer Gelehrsamkeit in Deutschland

„Einen Durst nach Wissen“

(iz). Die Einrichtung von uni­versitären Lehrstühlen der so genannten „Islamischen Theologie“ und die im Zusammenhang stehende Einführung eines „Islamischen Religionsunterrichts“ gelten vielen als der wich­tigste materielle Fortschritt für muslimische Community in den letzten Jahren. Insbesondere, weil in den Augen mancher so eine Anerkennung des Islam als Religionsgemeinschaft und Körperschaft des öffentlichen Rechts mit vorbereitet werden könne.

Jenseits religions- und bildungspolitischer Fragen stellt die „Islamische Theologie“ eine ambivalente Entwicklung dar. Einerseits, so die Hoffnung der Beteiligten, kön­ne eine nicht radika­lisierte Schicht aus islam­rechtlichen Gebildeten entstehen. Andererseits, so die legitime Befürchtung anderer, bestünde die Gefahr der Schaffung eines politisch genehmen Islamverständnis. Bisher ist vollkommen unklar, inwieweit die Freiheit der islami­schen Lehre in Einklang mit dem akademischen Betrieb gebracht werden kann. Hierzu sprachen wir mit der Islamwissenschaftlerin Nimet Seker, die sich in Münster auf ihre Doktorarbeit vorbereitet.

Nimet Seker studierte in Köln Islamwissenschaft, Germanistik und Ethnologie. Nach dem Ende ihres Studiums 2006 orientierte sie sich im Medienbereich und fand einen Platz in der online-Redaktion von Qantara.de, wo sie heute als Redakteurin tätig ist. Seker arbeitet auch als Autorin für andere Medien. Seit Oktober 2011 ist sie Stipendiatin am „Gradu­iertenkolleg für Islamische Theologie“ an der Universität Münster und konzentriert sich auf ihre Doktorarbeit. Daneben gibt die umtriebige Islamwissenschaftlerin halbjährlich das Magazin „Horizonte. Zeitschrift für muslimische Debattenkultur“ heraus.

Islamische Zeitung: Liebe Nimet, sie machen ja die unterschiedlichsten Dinge – von der Doktorarbeit bis hin zum Herausgeben eines Halbjahresmagazins. Was ­treibt Sie an und begeistert Sie?

Nimet Seker: (überlegt)… Ich habe in den letzten Jahren einen Durst nach Wissen entwickelt. Nach der ­Universität wollte ich erst einmal nur berufliche Perspektiven für mich entwickeln und der Journalismus hat mich interessiert. Bekanntermaßen haben wir muslimische Frauen mit Kopftuch es auf dem Arbeits­markt ohnehin nicht sehr leicht. Das war der Ausgangspunkt meines Engagements im Bereich Medien.

In den letzten beiden Jahren wurde meine Suche nach Wissen auch durch das neue Fach der „Islamischen Theolo­gie“ mit entfacht. Je mehr ich ­dazulerne, desto mehr merke ich eigentlich, wie wenig ich weiß. Ich möchte das, was ich mir angeeignet habe, an andere weitergeben.

Islamische Zeitung: Haben sie manch­mal das Gefühl, zwischen der Innenbetrachtung als Muslim und dem wissenschaftlichen Objektivismus der Universität hin- und herspringen zu müssen?

Nimet Seker: Nein, das Gefühl habe ich nicht. Natürlich hat man in der akademischen Welt den Anspruch, auf ­einer anderen Ebene zu agieren. Hier werden häufig Fragen behandelt, die für Muslime im Alltag vielleicht irrelevant ­scheinen – historische Dispute der Mutakallimun, Methoden der Qur’anexegese, neue hermeneutische Ansätze usw.

Im Gegensatz zu meinem Studium der Islamwissenschaft habe ich nicht das ­Gefühl, zwischen Binnen- und Außenperspektive wechseln zu müssen. In der Islamwissenschaft fiel mir irgendwann auf, dass ich eine klare Trennung zwischen meiner eigenen Gläubigkeit und dem, was ich in der Universität lernte, zog. Das hatte auch damit zu tun, dass das, was ich in der Islamwissenschaft in Köln (wo ich auch Lehrveranstaltungen abhielt) lernte, mit dem eigentlichen ­religiösen Gehalt nichts zu tun hatte. Da ging es eher um historische oder kulturhistorische Fragen.

Jetzt, bei der „Islamischen Theologie“, wird die Binnensicht dadurch gestärkt, dass wir viel mit Theologen anderer Religionen zu tun haben, die uns ­Muslimen unsere Positionen spiegeln und stellenweise kritisch in Frage stellen. Das führt dazu, dass man bei sich selbst über die Bedeutung der Offenbarung Gedanken macht. Dies hat sowohl meinen Zugang zum Islam gestärkt, als auch meinen Glauben gefestigt.

Islamische Zeitung: Können sie die fundierte Kritik an der „Islamischen Theologie“ nachvollziehen, die in dieser eine problematisch Neuschöpfung sieht?

Nimet Seker: Ich habe hier keine eindeutige Position. Anfänglich war auch ich sehr skeptisch. Auch in der Phase, als ich mich für das Doktorandenstudium bewarb, war mir nicht klar, wie sich das Fach entwickelt. Es ist natürlich klar, dass es sich hier um eine, von der deutschen Bildungspo­litik angestoßenen Sache handelt. Es sollen Religionslehrer und Imame ausgebildet werden. Letztendlich führt es aber auch dazu, dass wir in Deutschland auf das zurückgreifen, was man im Arabischen „Turath“ (intellektuelles Erbe) nennt. Und zwar nicht von säkularen Diskursen, sondern auch von klassischen islamischen Disziplinen.

Je länger ich mich mit dem Fach beschäftigte, desto weniger kann ich die Kritik nachvollziehen. Was ich zum ­Beispiel kritisch sehe, ist die ­vorschnelle Besetzung der Professuren. Es gibt nicht genug qualifiziertes Personal, sodass man auf Islamwissenschaftler oder Personal aus Nachbardisziplinen bis hin zu ­Leuten aus den Gesellschaftswissenschaften zurückgreifen muss. Das führt ­stellenweise zu einer Schieflage. Würde man ein Paar Jahre warten, hätten wir vielleicht mehr qualifizierte Leute. Das sind aber hochschulpolitische Fragen. Auf inhaltlicher Ebene – und da urteile ich nach meiner Erfahrung aus dem Graduiertenkolleg – kann ich die Kritik nicht nachvollziehen.

Islamische Zeitung: Es gibt aber bis in unsere Zeit nichts in den islamischen Wissenschaften, was sich mit „Theologie“ übersetzen ließe…

Nimet Seker: Natürlich nicht, das ist aber auch nicht gemeint. Der Begriff war ein Notbehelf. Ursprünglich schlug der Wissenschaftsrat den Begriff „Islamischen Studien“ vor, aber das wäre im internatio­nalen (englischsprachigen) Kontext missverständlich gewesen, weil dort die euro­päisch-säkulare Islamwissenschaft „Islamic Studies“ heißt. Auch wenn sich der Name eingebürgert hat, ist dies kein Gegenstück zur christlichen Theologie. Wir vertreten die klassischen Disziplinen Fiqh, Tafsir, Kalam/Aqida usw. Hinzu kommt das neue Fach der Islamischen Religions­pädagogik. In Hinsicht der Wissensgebiete richten wir unser Fach aber nicht nach christlich-theologischen Kriterien aus.

Islamische Zeitung: Liebe Nimet Seker, Vertreter ihrer Fachrichtung haben auch im Gespräch mit uns den Vorwurf zurückgewiesen, dass es sich hier um den Versuch der politischen Einflussnahme auf die Lehre des ­Islam handeln könnte. Von Einrichtungen wie der Mercator-Stiftung sind ­Mittel geflossen und nichtmuslimische Stimmen sprechen gelegentlich von einem „staatlichen Zähmungsinteresse“.  So mancher Vertreter des Faches wird ja in den Medien auch als Repräsentant des deutschen Islam positiv aufgewer­tet. Ist der Verdacht wirklich so abwe­gig, dass hier ein politisch genehmes Islamverständnis geschaffen werden soll?

Nimet Seker: Ich würde nicht in Frage stellen, dass es dieses Interesse gibt. Meine Kritik an den Kritikern lautet: Man sollte sich den Blick auf das Fach nicht durch bestimmte Einzelpersonen verstellen lassen, weil diese nicht für die Zukunft stehen. Gerade entsteht eine ganze Generation von Nachwuchswissenschaftlern, die die Kategorien von „traditionell“ und „fortschrittlich“ sprengen. Wie Eren Güvercin in seinem Buch „Neo-Moslems“ schreibt, lassen sie sich nicht mehr in Kategorien des medialen Diskurses pressen. Sie sind tief in ihrem Glauben verwurzelt; und viele auch in der Community. Das zeigt sich beispiels­weise daran, dass einige von ihnen eine Imam-Ausbildung haben oder Verbindungen zu den Verbänden unterhalten. Ich kann nicht erkennen, dass die Kluft, von der viele Kritiker sprechen, so existieren würde.

Mich stört das Misstrauen, das von den Verbänden, wie jüngst beim IGMG-Symposium, ausgesprochen wird. Es waren ja die Verbände, die jahrelang dafür arbeiteten, dass es in Deutschland ­einen islamischen Religionsunterricht gibt. Dieser soll bald in NRW und in Nieder­sachsen kommen. Dafür braucht es die Einrichtung entsprechender Studiengän­ge an den Universitäten, weil das Recht die akademische Ausbildung solcher Lehrkräfte vorsieht. Wo und wie ­sollten sie denn sonst ausgebildet werden? Mein Einladung an die Kritiker ist, dass sie sich auf den entsprechenden theologischen Tagungen und Seminaren einbringen. Da es in der islamischen Lehre kein staatliches Monopol bei der Gelehrsamkeit gibt, ist jeder aufgerufen, sich an der ­Debatte auf entsprechendem Niveau zu beteiligen.

Islamische Zeitung: Es gibt im deutschen Mainstreamislam kaum öffentlich auftretende Gelehrte. Es dürfte den meisten schwerfallen, mehr als zehn hiesige Gelehrte zu benennen…

Nimet Seker: Das ist natürlich ein ­Riesenproblem. Auf staatlicher Seite besteht die Sorge, dass es so genannte „extremistische“ Prediger von salafistischer Seite gibt, die auf Deutsch predigen und in kürzester Zeit in Medien sowie unter jungen Muslimen Gehör gefunden haben. Aus unserer Sicht ist das natürlich nur ein Randphänomen…

Aber aus nichtmuslimischer Sicht sind das diejenigen, die von jungen Leuten als Gelehrte wahrgenommen werden. Ein Interesse staatlicher Seite war es, ihnen zuvorzukommen, indem man eine wissenschaftliche Ausbildung implementiert und solchen Menschen Alternativen zu bieten, die ein Interesse an islamischer Lehre haben.

Islamische Zeitung: Noch einmal gefragt, ist es nicht ein Problem der muslimischen Community in Deutschland, dass es hier zu wenig strukturierte Gelehrsamkeit des Islam gibt?

Nimet Seker: Natürlich, diese Erfahrung machen wir als Wissenschaftler auch. Wir sind oft reine Schriftgelehrte, da es an der Universität keine klassische Madrassa-Ausbildung gibt. Oft merken wir bei bestimmten Fragen, dass man sich lieber an einen Lehrer wenden würde, der ein Wissen hat, das nicht nur aus Büchern kommt. Im Gegenzug sehe ich viele muslimische Akademiker, die sich an Privatinstitute in Deutschland, Frankreich oder im Nahen Osten wenden, wo sie Wissen über Scharia-Lehre oder andere Gebiete erwerben wollen. Wir haben hier keine traditionellen ­Gelehrten und oft dominiert „Schaikh Google“. Die Frage ist, ob wir als univer­sitäre Repräsentanten hier langfristig eine Alternative darstellen können. An diesem entscheidenden Punkt müssen wir arbeiten.

Islamische Zeitung: Für viele Muslime, insbesondere die Jugend, ist das Internet zu einem sehr wichtigen Mittel geworden, mit dem sie sowohl ­Wissen über den Islam erlangen wollen, als auch einen Teilaspekt ihrer muslimischen Identität ausleben. Gibt es eine Möglichkeit, die modern ­Kommunikation mit der Tradition zu versöhnen?

Nimet Seker: Immer mehr Personen und Institutionen, die traditionelles Wissen für sich in Anspruch nehmen, ­nutzen das Internet dazu. Ich glaube nicht, dass sich beide Aspekte ausschließen. Es gibt Gelehrte wie Abdulhakim Murad, die Vorträge und Seminare live im Internet übertragen. Ich würde mir wünschen, dass in dieser Hinsicht mehr passiert, weil man als Akademiker nur das Wissen greifen kann, das zur Verfügung steht. Sei es in Form von persönlichen Quellen, von Büchern und elektronischen Medien. Ich wäre auf jeden Fall dafür, dass wir uns mehr für das engagieren, was Sie als tradi­tionelle Gelehrsamkeit bezeichneten.

Islamische Zeitung: Aber wird die Übertragung des Wissens von ­Lehrer auf Schüler nicht durch die ­virtuellen Aspekte des Internets konterkariert?

Nimet Seker: Natürlich wird es das. Auch wenn wir von islamischer Lehre spre­chen, bewegen wir uns immer noch innerhalb säkularisierter Strukturen. Will man wirklich die traditionelle Lehre und ihre Methode in die Gegenwart transportieren, müsste man in der lokalen Moschee einen Gelehrten haben. Davon gibt es aber nicht viele; und werden sie auch in so schneller Zeit nicht haben.

Islamische Zeitung: Es gibt den wach­senden akademischen Diskurs und parallel den Diskurs, wie er vom organisierten Islam geführt wird. Sehr viel Metaphysik, sehr viel Reflexion… aber wo bleibt die Aktion? Sehen Sie hier – auch als aktive junge Muslimin – eine Diskrepanz?

Nimet Seker: Ja. Ich sehe diese Diskre­panz, aber ich sehe bei denjenigen, die zehn Jahre jünger sind als ich, das Verlan­gen, die Ebene der Reflexion zu verlassen und zum Handeln überzugehen. Ich glaube, dass ist das Erbe derjenigen, von denen wir unseren Islam gelernt haben: unsere Eltern und Großeltern. Die ­große Masse der Muslime sind immer noch die Kinder der Gastarbeiter. Ich kann mich erinnern, dass wir in unserer Familie bis zu meinem 13. oder 14. Lebensjahr davon gesprochen haben, in die Türkei zurückzukehren. Man hat sich darum bemüht, dass hier Moscheen entstehen und dass die Kinder den Islam lernen, worauf in meiner Familie sehr viel Wert gelegt wurde. Das meiste habe ich von ­meinen Eltern gelernt. So findet islamisches Lernen und islamisches Handeln immer statt: in der Gemeinschaft.

Dass wir jetzt diese Intellektualisierung haben, ergibt sich durch den äußeren Druck. Dieser drängt uns in die Defensi­ve und zwingt uns zu ständiger Positionierung, egal zu welchen Fragen. Das fängt an bei dem Thema Integration, über Extremismus und bis hin zur Auseinandersetzung mit christlichen Theolo­gen, die wissen wollen, wie Jesus im ­Islam gesehen wird.

Es liegt an den Muslimen selbst, dies in Handeln umzusetzen. Ich muss mich hier selbst kritisch hinterfragen, da ich oft fatalistisch denke und glaube, als einzelne wenig ändern zu können. Sich der Bedeutung der Gemeinschaft bewusst zu werden, ist in der Moderne beinahe verloren gegangen. Insbesondere in der Diaspora, wobei ich diesen Begriff eigentlich auch nicht mag. So etwas wie Diaspora kann es im Islam eigentlich nicht geben, da ich überall – in Indonesien, in der Türkei oder in Deutschland – Muslim bin.

Islamische Zeitung: Sie geben auch noch die Halbjahreszeitschrift „Horizonte“ heraus. Was müssen wir uns darunter vorstellen?

Nimet Seker: Als der Wissenschaftsrat seine Empfehlungen für die Einführung der „Islamische Theologie“ an staatlichen Universitäten veröffentlichte und es klar wurde, dass die Bildungspolitik die Einrichtung des Fachs nun voran treibt, befürchtete ich, dass staatliche Bildungsinstitutionen ein Monopol über die Islamdiskurse erlangen würden. Die ursprüngliche Idee hinter dem Projekt war die Schaffung einer Gegenstimme. Es geht uns darum, Themen auf eine vertiefte Art und Weise aufzugreifen, die nicht nur Muslime beschäftigen, sondern die zeigen, dass sich Muslime als Teil der Gesellschaft begreifen. Die ersten beiden Ausgaben fielen eher akademisch aus: Die erste behandelte Idschtihad als ­Werkzeug des islamischen Rechts und die zweite führte in die Lehre von Imam Al-Ghazali ein.

Mit der dritten Ausgaben über Geld, ethisches Wirtschaften und das Konzept des so genannten „Islamischen Bankwesens“ geht es mir darum zu zeigen, dass sich Muslime mit drängenden Zeitfragen beschäftigen und nicht nur so tun, als wäre der Islam nur für einige wenige Dinge in unserem Leben von Bedeutung. Ich glaube, dass wir über unsere individu­elle religiöse Lebenspraxis hinaus etwas zur Gesellschaft beizutragen haben.

Islamische Zeitung: Das Projekt trägt auch den Titel „Zeitschrift für muslimische Debattenkultur“. Heißt das, es besteht in der Community ein Nachholbedarf?

Nimet Seker: Ich sehe einen großen Nachholbedarf, weil wir in Deutschland durch die vielen öffentlichen Debatten in die Defensive gerieten. Das führt dazu, dass wir uns in Mainstreammedien immer nur in bestimmten Formen äußern. Das erkennt man unter anderem daran, dass immer die gleichen Personen zur Sprache kommen, während andere Personen ignoriert werden und die Medien in Deutschland sich bewusst oder unbe­wusst nach der politischen Wetterlage ausrichten. Aber wir Muslime passen uns auch dem Druck der Debatten an und können kaum eigene Themen setzen. Hinzu kommt, dass Muslime in Deutschland kaum Medienmacht besitzen. Es entscheiden die Redakteure, wer zu welchem Thema was schreiben oder produ­zieren darf. Auf der muslimischen Seite ist man größtenteils nur passiv und scheint so etwas wie Streitkultur nur zu kennen, wenn es darum geht, etwa auf der Welle der Sarrazin- oder Kelek-Empörung zu reiten. Zum anderen interessieren sich Medien für Islam nur dann, wenn man über Sensationelles berichten kann, seien es nun gewaltbereite „Salafis­ten“ oder Muslime, die für die Homo-Ehe sind. Zum dritten entsteht Autoren- und Themenwahl immer vor dem Wissenshorizont der Medienmacher großer Zeitungen oder Medienanstalten.

Vor kurzem erhielt ich via Email die Anfrage eines Hörfunkjournalisten, der von mir wissen wollte, wen ich für die prägenden muslimischen Köpfe in Deutschland hielte. Meine Antwort war, dass ich die am häufigsten in den ­Medien auftauchenden Personen für unwichtig erachte, weil sie von Muslimen gar nicht als wichtig wahrgenommen werden. Ich habe ihm Personen genannt wie den traditionellen Gelehrten und Mawlawi-Schaikh Abullah Halis oder Erika Theissen, die das Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen in Köln aufgebaut hat und immenses leistet. Solche Personen sind in den Medien kaum präsent, hinterlassen aber etwas Prägsames.

Islamische Zeitung: Wie sahen die Reaktionen auf Ihre Zeitschrift aus?

Nimet Seker: Das Feedback war durchweg positiv. Aber, wie es häufig ist, bleibt es oft nur bei der Begeisterung. Es folgen leider keine weiteren Taten. Ich wünsche mir, dass sich mehr Autoren melden, die zu den drängenden Themen der Zeit schreiben möchten. Übrigens schreiben für „Horizonte“ auch Nichtmuslime. Dadurch, dass ich andere Themen als die setze, die uns vom Mainstream vorgegeben werden, merke ich, dass wir uns immer noch stark im vorge­gebenen Diskurs bewegen. Fragen wie die nach einer gerechten Wirtschaftsord­nung beispielsweise werden in unserer Gesellschaft, aber auch unter Muslimen nur am Rande thematisiert.

Stattdessen geht es um Integration, liberal versus konservativ oder den Salafismus. ­Gerade das letztere interessiert mich auf der öffent­lichen Ebene überhaupt nicht, da man den Neo-Salafisten überhaupt nur mit starken, religiösen Argumenten beikommt. Dafür muss man aber seine Reli­gion gut kennen, um ihr Verständnis von Qur’an und Hadithen widerlegen zu können.

Islamische Zeitung: Von Goethe stammt die Maxime, dass man eine Sache nur dann verstehen kann, wenn man sie liebt…

Nimet Seker: Das ist eine Maxime, die ich mir vielleicht noch mehr aneignen sollte. In vielen Dingen denke ich noch viel zu abstrakt. Viele Nachwuchs-Theologen haben einen sehr starken Bezug zu ihrem Glauben und sie werden durch das, was wir hier tun, sehr berührt. Diese Liebe und diese Leidenschaft ­sollte man bei allem, was man tut, natürlich nie vergessen.

http://www.islamische-zeitung.de/?id=15862

Horizonte 3: Geld

13/01/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Horizonte_3_Cover_WebEs gibt Grundfragen unserer Zeit, von der jeder betroffen ist, und für die es keinen Unterschied macht, ob man muslimisch, christlich, areligiös, atheistisch oder welcher ethnischen Herkunft man ist. Dazu gehört der gegenwärtige Zustand unserer Wirtschafts- und Finanzordnung. Die Finanzkrise betrifft Muslime aber auch aus einem anderen Grund: In unserer islamischen Tradition ist die Ökonomie kein marginales Thema; in den Werken des klassischen Islamischen Rechts etwa hat das gerechte Wirtschaften immer einen großen Raum eingenommen. Die gegenwärtige Währungs- und Schuldenkrise fordert uns Muslime heraus, uns über Probleme der Zeit, die über glaubenspraktische und metaphysische Fragen hinausgehen, Gedanken zu machen. Alltägliche Dinge wie die Frage des Gelds und des Wirtschaftens dominieren unser Leben stärker als etwa Fragen der Spiritualität. Doch auch unsere Glaubenslehre fordert uns dazu auf, sich mit den Implikationen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in unserem ökonomischen Handeln zu beschäftigen. Nicht umsonst ist die Zakat eine der Grundsäulen des Islam. Wer macht sich heute noch Gedanken darüber, wie die Zakat korrekt durchgeführt wird? Hieran zeigt sich, dass sich das muslimische ökonomische Denken in der Moderne eingeschrumpft ist. Aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte ist das Bewusstsein für ökonomische Grundfragen in weiten Teilen der islamischen Welt schlichtweg verloren gegangen. Deswegen beschäftigt sich diese Ausgabe der HORIZONTE mit Geld. Ich frage mich: Gibt es heute überhaupt so etwas wie eine islamische Ökonomie? Und was ist überhaupt Geld? Steht das Prinzip des Geldes nicht eigentlich konträr zu unseren Glaubensüberzeugungen? Da doch das Schaffen von Geld aus dem Nichts mit dem Anhäufen von Schulden verbunden ist. Geld und Wirtschaften haben nicht nur eine individuelle, sondern stets auch eine gemeinschaftliche Dimension. Islamisch gesprochen ist jedes Handeln des Menschen im Diesseits, und dazu gehört auch wirtschaftliches Handeln mit all seinen Konsequenzen, mit einer Belohnung oder Bestrafung im Jenseits verbunden. Wirtschaftliches Handeln ist mit einer religiösen Verantwortung verbunden. Sich dieser Frage zu verschließen bedeutet letztlich, sich der Verantwortung zu verweigern. Die Frage der ökonomischen Ordnung ist aber auch für die Gesamtgesellschaft von Relevanz. Interessanterweise kommt ein David Graber, der als Vordenker der Occupy-Bewegung gilt und sich in seinem Buch mit einer (historischen) islamischen Wirtschaftsordnung beschäftigt, darauf zu sprechen, dass im islamischen Marktwesen eher einen freien Markt realisiert ist als in der sogenannten „freien Marktwirtschaft“. Diese ist in unserer Zeit lediglich zu einer ideologischen Parole geworden. Es ist ein David Graeber und kein Tariq Ramadan, der der Weltöffentlichkeit Antworten auf die aktuelle Krise bietet. Muslime sollten aus ihrem Schlaf aufwachen. Und sich endlich jenseits der üblichen Trampelpfade der Islamdebatten bewegen.

Nimet Seker, Herausgeberin

Gegen die Politisierung des Koran

19/04/2012 § 2 Kommentare

Muslimische Feministinnen wie Amina Wadud argumentieren mit dem Koran für Frauenrechte und gegen das Patriarchat. Doch leider verfallen einige Feministinnen in die Falle der Apologetik und laufen Gefahr, den Islam politisch zu instrumentalisieren. Mein Kommentar in der Sendung “Politisches Feuilleton” auf Deutschlandradio Kultur.

Islamischer Feminismus, kann es so etwas geben? Auf den ersten Blick scheinen Islam und Feminismus zwei gegensätzliche Ansätze zu sein. Und doch hat sich eine global agierende feministische Bewegung innerhalb des Islams herausgebildet.

Deren Aktivistinnen und Theologinnen sind international gefragte Referenten. Zu den Bekannteren von ihnen gehört Amina Wadud. Sie spricht vom “gender jihad” – vom Kampf für Geschlechtergleichheit. Der Islam wolle eigentlich das Patriarchat überwinden, nicht verfestigen. Der Koran gibt ihr starke Argumente für ihre Thesen.

Der islamische Feminismus ist ein Versuch, islamische Prinzipien mit modernen Werten wie Menschenrechte und Gleichberechtigung der Geschlechter in Einklang zu bringen. Nichts anderes scheint besser gegen Fundamentalismus und Dogmatismus zu funktionieren. Schließlich schlägt man damit den Feind mit seinen eignen Waffen.

Gleichzeitig nimmt man den Kulturkampf-Apologeten den Wind aus den Segeln, indem man zeigt: Der Koran hat den Frauen Rechte gegeben, und das zu einer Zeit, in der Europa und die Moderne noch gar nicht existierten! Der Prophet hat die Frauen mit Respekt behandelt und muss als Vorbild im Geschlechterverhältnis gelten. Diese Vorgehensweise macht den islamischen Feminismus so sympathisch.

Doch Vorsicht. Reden wir uns da nicht doch einiges schön?

Was ist mit dem patriarchalischen historischen Kontext, in dem der Koran dem Propheten Muhammad herab gesandt wurde? Die Feministinnen argumentieren: Das ethische Prinzip der Gerechtigkeit im Koran hebt bestimmte patriarchalische Regeln auf, wie das Recht des Mannes auf vier Ehefrauen. Wer bestimmt nach welchen Kriterien, wo und wie diese universellen ethischen Prinzipien des Koran anzuwenden sind?

Problematischer finde ich allerdings den gesellschaftspolitischen Anspruch des islamischen Feminismus. Denn er ist auch als Antwort auf den politischen Islam entstanden und erzeugt somit eine Spannung zwischen politischem oder gesellschaftlichem Engagement und Theologie. Er polarisiert und drängt die Theologie als offene Wissenschaft ins Abseits.

Der feministische Blick ist eine Form des modernen Reformislam. Dieser nimmt sich den Islamismus vor. Durch seine Kritik aber verleiht er ihm eine Autorität, als sei er ein Mehrheitsislam. Dadurch wird dem politischen Islam aber im Alltag der Gläubigen eine stärkere Kraft zugesprochen, als er überhaupt besitzt. Dies ist eine gefährliche Entwicklung, denn sie läuft auf eine Politisierung von Theologie hinaus.

Sicherlich muss man sich mit den Positionen des modernen Islamismus beschäftigen, gerade aus theologischer Perspektive, um ihm etwas entgegnen zu können. Dabei darf man aber die Ansätze von klassischen Gelehrten – und damit eine über tausendjährige Tradition der Islamischen Theologie – nicht ignorieren.

Der größte Fehler von reformerischen Denkern ist, den politischen Islam als traditionalistisch zu verstehen. Doch gerade er bricht mit der klassischen Gelehrsamkeit und der Tradition, weil er meint, dass die Moderne radikal neue Ansätze erforderlich macht. Auch die Salafiya ist ursprünglich eine reformerische Bewegung, die radikal mit der muslimischen Tradition bricht. Wie wir sehen, hat sie sich in eine Richtung entwickelt, die wir als antimodern und dogmatisch bezeichnen würden.

Der islamische Feminismus als ein Weg, mit religiösen Mitteln gegen gesellschaftliche Probleme anzukämpfen, ist letztlich auch ein Versuch, das Weltliche zu islamisieren. Dies müssen auch progressive Denkerinnen wie die Feministin Amina Wadud erkennen. Mit Religion allein aber werden sich gesellschaftliche und politische Probleme nicht lösen lassen.

© Deutschlandradio Kultur

Hören Sie den Beitrag hier nach.

Lesen Sie hier eine etwas längere Fassung auf Qantara.de.

“Begriffe wie konservativ, religiös und säkular bringen uns nicht weiter”

13/03/2012 § Hinterlasse einen Kommentar

Nimet Seker ist Islamwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 2011 gibt die 31-Jährige “Horizonte – Zeitschrift für muslimische Debattenkultur” heraus. Im Gespräch mit ufuq.de erklärt sie, warum Kontroversen kein Zeichen von Schwäche, sondern eine Selbstverständlichkeit sein sollten.

Als Herausgeberin der Zeitschrift Horizonte bieten Sie ganz verschiedenen muslimischen Stimmen ein Forum. Es geht Ihnen ausdrücklich um die Diskussion, um kontroverse Meinungen. Dagegen betonen die Vertreter der großen islamischen Verbände immer wieder, es fehle den Muslimen gerade eine einheitliche Stimme. Weshalb interessiert Sie die Kontroverse?

Seker: Mich interessiert die Kontroverse, weil ich meine, dass man zunächst einmal seine Standpunkte darlegen muss, bevor man überhaupt zu einer Einigung kommen kann. Unsere Tradition ist, anders als man weitläufig meint, nicht erstarrt. Gerade der Islam der klassischen Gelehrten hat Kontroversen ausgehalten, ja sie sogar gesucht. Es ging ihnen nicht darum, einen Einheitsislam zu denken oder zu praktizieren, sondern sich zunächst die Quellen, also den Koran und das prophetische Vorbild, zu erschließen, zu verstehen und sich danach zu richten. Dies hat eine enorme Vielfalt und Debatten mit sich gebracht – das ist unser eigentliches kulturelles Erbe, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen. In der Moderne haben viele Strömungen mit dieser Tradition der Vielfalt und Meinungsverschiedenheit gebrochen, daraus sind letztlich die intoleranten Bewegungen entstanden.
Die Haltung der Verbände erkläre ich mir durch den politischen Druck, dem sie als Repräsentanten einer Minderheit in Deutschland ausgesetzt sind. Und hinter den Kulissen wird ausgiebig debattiert, davon bin ich überzeugt. Es ist auch nicht so, dass man innerhalb einer Einheit eine Vielfalt nicht denken kann. Gerade dies war für den klassischen Islam charakteristisch.

In diesen Kontroversen geht es ja nicht nur um abstrakte Fragen, viele Diskussionen haben direkte Auswirkungen auf den Alltag. Welche Rolle kommt jungen Muslimen in diesen Debatten zu?

Seker: Das kommt darauf an, wo diese jungen Muslime sitzen und in welchen Diskursen sie sich bewegen. Wir sehen nun langsam die ersten jungen Muslime in der Öffentlichkeit, die nicht mit einer einheitlichen Stimme sprechen, sondern eben die Vielfalt in der Community darstellen. Ich denke da zum Beispiel an die Journalisten Kübra Gümüsay und Eren Güvercin, aber auch an Internetplattformen wie Migazin.de. Hier und zunehmend auch in den überregionalen Zeitungen finden teilweise innermuslimische Debatten statt, wenn sie sich auch stets auf das Gespräch mit der Mehrheitsgesellschaft beziehen. Mit der Zeitschrift Horizonte möchte ich eine Intellektualisierung dieser Debatten vorantreiben und junge, frische Autoren fördern. Da die Jugend die Zukunft ist, stellt sie die Speerspitze in der Entwicklung der muslimischen und migrantischen Community in Deutschland. Diese Community ist selbstverständlich nicht homogen, sondern in sich sehr pluralistisch und nicht mit einfachen Kategorien wie „liberal“, „konservativ“, „religiös“ oder „säkular“ zu beschreiben. Diese Begriffe bringen uns nicht weiter, und erst recht nicht, wenn es darum geht, die Situation von jungen Muslimen zu beschreiben.

Sie sprechen die aktuelle Diskussion um Begriffe wie “liberal” und “konservativ” an, die ja nicht zuletzt durch die Gründung des Liberal-Islamischen Bundes ausgelöst wurde. Ist diese Diskussion denn nicht ganz in Ihrem Sinne? Schließlich wird doch hier deutlich, dass das unausgesprochene Motto der etablierten islamischen Verbände – “Islam ist Islam. Punkt.” – mit der Lebenswirklichkeit gerade der jungen Muslime nicht mehr viel gemein hat?

Seker: Die Diskussion ist in meinem Sinne und die einzelnen Akteure in der Debatte müssen sich auch der Diskussion stellen. Ich denke aber, dass wir vom Glauben wegkommen müssen, dass wir mit den Verbänden, Vereinen oder Institutionen der Sache der jungen Generation gerecht werden können. Verbände werden wie Parteien wahrgenommen und sind – und das ist meine persönliche Meinung – einfach nur Interessenvertretungen. Sie sind Teil des politischen Prozesses wenn es um Muslime geht, wenn es etwa um die Einführung des islamischen Religionsunterrichts geht oder um die Gleichstellung von muslimischen Verbänden mit den Kirchen in Deutschland. Das sind politische und juristische Fragen, keine theologischen. Ich betrachte die Verbände auch nicht als Theologieschulen, auch wenn die DITIB Imame beschäftigt. Ich sehe auch nicht, dass muslimische Verbände eine bestimmte Richtung des Islams vertreten, vielmehr glaube ich, dass sie aufgrund des öffentlichen Drucks und innerer Dynamiken auf bestimmte Art handeln. In der Öffentlichkeit stehen oft politische Fragen im Mittelpunkt, wenn es um den Islam in Deutschland geht. Dabei gerät schnell in Vergessenheit, dass es ja um eine Religion geht.

Was sind denn aus Ihrer Sicht die wichtigsten theologischen Fragen, die heute unter Muslimen in Deutschland diskutiert werden?

Seker: Im Alltag begegnen wir eigentlich stets ähnlichen Fragen, die sich um Ritualpraxis, um die korrekte Durchführung von Ritualen drehen. In der akademischen Welt steht die Koranhermeneutik im Vordergrund. Da geht es um grundsätzliche Fragen, etwa um die adäquate Methode einer historisierend-kontextualisierenden Exegese und um grundsätzliche Fragen wie “Was ist der Koran?”, “Was ist Offenbarung?” Viele modernistische Strömungen, dazu zählt auch die Salafiyya in ihren unterschiedlichen Ausprägungen, gehen von einem Text- und damit Offenbarungsverständnis aus, das eigentlich vom Denken her westlich-europäisch geprägt ist. Sie übertragen dies auf den Koran. Genauso werden auch zeitgenössische Wertvorstellungen in die Koranexegese und in reformistische Auslegungen des islamischen Rechts hineinprojiziert. Diese Fragen werden diskutiert, allerdings stehen wir in Deutschland diesbezüglich noch ganz am Anfang.

Zentral ist auch die Frage, wie wir mit der über tausendjährigen Wissenschaftstradition der muslimischen Gelehrsamkeit umgehen – einfach alles über Bord werfen? Dann begehen wir genau den Fehler, den salafistisch-fundamentalistische Ansätze begehen.

Ihre Zeitschrift Horizonte möchte diese Diskussionen befördern. Wie sind denn die ersten Reaktionen?

Seker: Die Reaktionen sind bisher sehr positiv, oder positiv überrascht. Vor allem von Seiten muslimischer Multiplikatoren und Akademiker kommt aber bisweilen auch kritisches Feedback. Das wünsche ich mir auch. Es sind auch einige große Medien auf die Zeitschrift aufmerksam geworden, das bestätigt mich auch noch einmal in meinem Vorhaben, die Intellektualisierung von jungen Muslimen zu fördern. Es ist wichtig, eine Debattenkultur in der Community zu entwickeln und sich gleichzeitig auf Augenhöhe in die Debatten der Mehrheit einzubringen. Letztendlich geht es darum, dass Muslime nicht nur auf mediale und politische Diskurse reagieren, sondern selbstreflexiv eigene Fragen stellen. Ich glaube, wir finden uns dabei auf einem guten Weg.

Das Gespräch führte Götz Nordbruch.
Foto: Bozkurt/Basogul

Horizonte 2: Al-Ghazali

22/12/2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Editorial

Nach monatelangem Warten ist sie endlich fertig: In dieser zweiten Ausgabe von HORIZONTE widmen wir uns dem Denken und Wirken des großen Gelehrten Abu Hamid Muhammad al-Ghazali. Am 19. Dezember jährt sich sein Todestag zum 900. Mal.  Das Erbe dieses großen Gelehrten lässt sich auf wenigen Seiten natürlich niemals ausschöpfend behandeln, sondern lediglich anreißen. Bei der Planung des Hefts ergab sich al-Ghazalis Erkenntnislehre als Schwerpunktthema von selbst. Vielleicht ist dies als Hinweis auf die Entstehung des Fachs Islamische Theologie an deutschen Universitäten zu verstehen – einer unserer Autoren etwa sieht eine Familienähnlichkeit zwischen den religiösen Diskursen in al-Ghazalis Zeit und unserer, in der wir auch zunächst grundlegende Diskussionen um die Fundamente einer in Deutschland verankerten akademischen islamischen Lehre führen müssen. Genauso wie al-Ghazali in seinem Hauptwerk „Die Wiederbelebung der religiösen Wissenschaften“ die religiösen Diskurse als erster überhaupt sortiert und ihre Grenzen aufzeigt, steht die akademische islamische Lehre vor der Herausforderung, die bestehenden Diskurse zu rezipieren und zu sortieren, um sich selbst verorten zu können.

Der christlich-muslimische Dialog ist zu einer Art Mode verkommen. Dabei betont der Begriff „Dialog“ mehr das Trennende als das Verbindende, denn er setzt zwei gegensätzlich geprägte kulturelle Kollektive voraus. Kann man das auch für die jüdische und islamische Tradition sagen? „Jede zeitgenössische Beschäftigung mit der engen Berührung jüdischer und islamischer Traditionen bedeutet eine radikale Inversion der politischen Landschaft“, meint die Kuratorin und Philosophin Almut Sh. Bruckstein Çoruh im Interview mit HORIZONTE.

Bevor das Heft mit den Interviews von drei Nachwuchswissenschaftlern am von der Stiftung Mercator initiierten Graduiertenkolleg Islamische Theologie abschließt, meldet sich eine kritische muslimische Stimme zum umstrittenen Netzwerk um den türkischen Prediger Fethullah Gülen zu Wort. An dieser Stelle sei gesagt, dass die Artikel nicht die Meinung der Redaktion wiedergeben und es die Möglichkeit gibt, auf einzelne Beiträge Repliken zu schreiben.

Wer nach der Lektüre der philosophischen Texte das Heft erschöpft aus der Hand legt, sei auf die nächsten geplanten Ausgaben der HORIZONTE verwiesen. Denn in Zukunft sollen mehr gesellschaftspolitische Themen behandelt werden: HORIZONTE strebt eine Partizipation muslimischer Intellektueller an den Debatten der Mehrheitsgesellschaft an. Autoren, sowohl nicht-muslimische als auch muslimische, sind eingeladen, Beiträge einzureichen.

Bestellen Sie die HORIZONTE per Mail beim Kalam-Verlag (info at kalam-verlag.de) oder mit Angabe der ISSN 2192-3647 im Buchhandel. Am Besten aber, Sie schließen gleich ein Abonnement ab!

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