Pressebeiträge

Der Islam braucht keinen Luther (FAZ, 25.10.2017)

Denn schon der bestimmte Artikel verfehlt die Vielfalt der muslimischen Tradition und Interpretation. Gegenthesen zu Abdel-Hakim Ourghi

Abdel-Hakim Ourghi, Leiter der Abteilung für Islamische Theologie des Instituts der Theologien der Pädagogischen Hochschule Freiburg, schlug bei dem Vorhaben, seine vierzig „Thesen“ zur „Reform des Islams“ bekannt zu machen, nicht den Weg des Dialogs mit seinen Fachkollegen ein. Auch war die Leitung der Dar-Assalam-Moschee in Berlin-Neukölln, an deren Tür er am 7. Oktober die Thesen anbrachte, nicht informiert und musste unvorbereitet reagieren. Obwohl das Eingangstor offen war, kletterte Ourghi, umringt von Reportern und Kameraleuten, über den Zaun der „Neuköllner Begegnungsstätte“. Wieso klettert jemand vor laufenden Kameras über einen Zaun, wenn er auch durch das Tor gehen kann?

Hinter dem öffentlichkeitswirksam inszenierten Thesenanschlag verbirgt sich eine Wahl der Methode: Statt den einfachen, gangbaren Weg zu gehen, wählt Ourghi den umständlichen Weg, der ihm aber Aufmerksamkeit sichert. Der gangbare Weg wäre das öffentliche Gespräch mit kundigen Ansprechpartnern. Aus diesem Grunde fühlen wir uns als Vertreter der ersten Generation der in Deutschland ausgebildeten islamischen Theologen aufgerufen, auf die Thesen zu reagieren, ganz im Sinne der ersten These Ourghis: „Es ist Zeit für einen Europäischen Islam.“

Aus akademischer Sicht drückt Ourghis Geste eine paternalistische Haltung aus. Eine Grundsatzdebatte darüber, wie sich Überzeugungen des Glaubens formieren oder gelebt werden sollten, erfordert eine Haltung der epistemischen Demut. Doch betrachten wir einige der Reform- Thesen genauer, besonders Kernkonzepte wie „des Koran“ und „des Islam“.

In seiner zweiten These schreibt Ourghi: „Die heilige Schrift ist leblos. Erst die Interpretation macht sie lebendig.“ Selbstverständlich ist eine Schrift leblos, wenn mit Schrift ein schriftliches Textstück auf einem Medium gemeint ist. Der Koran gilt den Muslimen aber nicht als „Schrift“, sondern als „Rede Gottes“. Um genau zu sein, ist der uns vorliegende Korantext die Sammlung einer Vielzahl von Gottesreden, die der Prophet Muhammad in einem Zeitraum von 23 Jahren verkündet hat und die schon zu seinen Lebzeiten unsystematisch, nach seinem Tode aber systematisch verschriftlicht wurden. Letzteres ist nicht nur muslimischer Glaube, sondern als historisches Geschehen von der jüngsten orientalistischen Forschung bestätigt worden. Ob eine Sammlung von ursprünglich mündlich ergangenen Gottesreden nun als „lebendig“ oder als „tot“ bezeichnet werden kann, darüber mag man streiten. Ferner ist das gedruckte oder geschriebene „Buch“ Koran nicht im eigentlichen Sinne heilig. Denn „Koran“ heißt „Rezitation“ aus dem ewigen göttlichen Wissen, und dieses gilt Muslimen als vor dem menschlichen Zugriff verwahrt.

Eine Interpretation macht einen Text nicht lebendig, vielmehr generiert sie Bedeutungen. Durch die Interpretation entsteht – mit Hans-Georg Gadamer gesprochen – eine Horizontverschmelzung der Autorintention oder des Textsinns mit dem subjektiven Verstehen des auslegenden Exegeten.

Zur dritten These Ourghis: „Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will.“ Ourghi meint damit, dass es in der Schriftauslegung kein Deutungsmonopol geben darf. Jedoch zeugt die Haltung, die aus seinen eigenen Thesen spricht, von einem verengten Verständnis des Glaubens und reklamiert implizit einen absoluten Wahrheitsanspruch. Der Text des Korans ist an vielen Stellen deutungsoffen oder sogar unklar. Wer hat nun die Autorität, zu sagen, welche Interpretation richtig oder falsch ist? Und wer sagt dann, welche Auslegung zu den extremen Rändern und welche zur akzeptablen Mitte gehört? In der muslimischen Gelehrtenwelt gibt und gab es nie ein Deutungsmonopol, und es gab stets die Freiheit, den Koran auszulegen. Jeder Mensch konnte und kann den Koran auslegen. Entscheidend ist nur, ob eine Auslegung Akzeptanz unter den anderen Gläubigen findet. Aus diesem Grunde hat sich auch eine Toleranz gegenüber vielfältigen Meinungen in der Koranauslegung entwickelt, wie der Arabist Thomas Bauer in seinem Buch „Die Kultur der Ambiguität“ dargelegt hat. Diese Toleranz von Meinungspluralität kommt aber nicht einer Akzeptanz von Willkür gleich.

Diese Willkür finden wir heute im salafistischen Gedankengut, vor allem bei den extremen Dschihadi-Salafisten wie Isis. Ein Beispiel ist die dschihadistische Interpretation von Vers 5:44. Die wörtliche Übersetzung dieses Verses lautet: „Diejenigen, die nicht danach walten, was Gott offenbart hat, das sind die Ungläubigen.“ Während sowohl Sunniten als auch Schiiten sich weitestgehend einig sind, dass die Bedeutung des Verses hier nicht aus dem Wortlaut abzuleiten ist, verstehen Dschihadi-Salafisten ihn wörtlich und setzen dies entsprechend um. Auf dieser Grundlage erklären sie ganze muslimische Länder zur Kriegsregion, weil hier das, was sie gemäß ihrer Auslegung als „Gesetz Gottes“ bezeichnen, nicht herrsche.

Die Idee des Salafismus besteht darin, die islamische Tradition wegen ihrer „Erneuerungen“ für nichtig zu erklären, indem auf den „ursprünglichen“ Islam der Altvorderen zurückgegangen wird. Hier ist die hermeneutische Willkür das Ergebnis eines „Reformdenkens“, welches sich selbst als die „reine“ Form des Islams und den gelebten Glauben der muslimischen Mehrheit als Verirrung versteht. Aus diesem Grunde zögert Isis auch nicht, alte Moscheen und Schulen zu zerstören und alte Schriften der Muslime zu verbrennen. Die extremistischen Früchte dieser puritanischen „Reform“ ernten wir heute in einem weltweit agierenden Terror. Ourghis Ermutigung zur Jedermanns-Exegese nach eigenem Willen steht der Denkungsart der „Reform“-Salafiya näher, als ihm bewusst ist.

Ourghis zehnte These lautet: „Wer den Koran respektiert, kann ihn nicht wortwörtlich nehmen.“ Außer extremen Strömungen wie der Dschihadi-Salafiya liest niemand den Koran wörtlich. Auch in der klassischen Gelehrsamkeit hat niemand den Koran wörtlich gelesen. Vielmehr wurde eine kaum überschaubare Zahl von Methoden entwickelt, den Koran zu lesen. Dazu gehören auch komplexe Theorien über die Natur und das Entstehen von Sprache. Die moderne Islamwissenschaft steht derzeit erst noch am Beginn der Erforschung dieser muslimischen Wissenschaften. Ganze Doktorarbeiten widmen sich dem Studium der breiten Interpretation eines einzigen Koranverses. Wie gesagt: Reformistische Auslegungen favorisieren eher wörtliche Auslegungen, doch genau diese will Ourghi angeblich verhindern – im Namen der Reform.

Vom Islam spricht Ourghi mit dem bestimmten Artikel. „Der Islam“ ist für ihn klar definiert und hat klare Konturen. Hier gilt die Diagnose von Zygmunt Bauman: „Klare Trennungslinien zwischen normal und unnormal, ordentlich und chaotisch, gesund und krank, vernünftig und verrückt sind Leistungen der Macht. Solche Linien zu ziehen heißt zu herrschen.“ Ourghi versteht den Islam als homogene Einheit. Sätze, in denen „der Islam“ als ein Subjekt agiert, sind in der klassischen Theologie unbekannt und undenkbar. In heutigen politischen Reden über Muslime sind sie dagegen allgegenwärtig. Sie vermitteln den Anschein, dass das, was man den Islam nennt, separat von den Menschen agieren kann, dass es über sie eine Macht von außen ausübt, weil es getrennt von ihnen existiert.

Wenn Ourghi schreibt: „Der Islam hat ein gestörtes Verhältnis zur Reflexion“ oder „Der Islam hat die Frauen nicht zu freien Menschen gemacht, sondern zu Knechten der Männer“, dann entsprechen diese Sätze der Syntax von Sagen, in denen Fabelwesen menschliche Handlungen zugeschrieben werden. „Der Islam“ kann keine Handlungen vollziehen, sondern Muslime können handeln. Selbstreflexion kann nur von vernünftigen Wesen verlangt werden, nicht von Konstrukten. Wenn Ourghi denkt, dass die Muslime ein gestörtes Verhältnis zur Reflexion haben, dann soll er das einfach deutlich sagen.

Auch die Behauptung, „der Islam“ habe „die Frauen nicht zu freien Menschen gemacht“, stellt „den Islam“ so dar, als wäre er eine Person. Einfach „dem Islam“ die ganze Schuld zu geben scheint hier das Ziel zu verfehlen. Denn was zurzeit in vielen muslimischen Kontexten Unfreiheit im Denken und Handeln begünstigt, ist die unreflektierte Übertragung früherer Interpretationen der Normen zur Stellung der Frau auf unsere Zeit. Eine bestimmte theologische Position mag für das Mittelalter progressiv gewesen sein, kann heute aber den Grund für die prekäre Situation vieler Frauen bilden. In radikaler Vereinfachung sieht Ourghi von der Geschichtlichkeit der verschiedenen Islamverständnisse ab. Seine Kritik wäre sinnvoller, wenn sie an konkrete zeitgenössische Gelehrte gerichtet wäre. Nicht die Dämonisierung „des“ Islams, sondern neue theologische Deutungen frei von Polemik versprechen eine Lösung.

Die Anpassung der Normen an den Wandel der Zeit bedarf keines Reformers, der wie der Luther der kulturprotestantischen Heldenlegende die Religion neu erfindet, denn die Anpassung der religiösen Regeln an neue Kontexte ist der muslimischen Normenlehre wesensimmanent. Es ist gerade, mit einem Begriff von Navid Kermani, der Traditionsbruch, der zur Deaktivierung solcher Prozesse geführt hat.

Ourghis Reformeifer artikuliert sich als Drang zur Verallgemeinerung. So schreibt er: „Reform des Islams bedeutet seine Anpassung an die Moderne.“ Da fragt man sich als Wissenschaftler: Welche Moderne meint er? Die Moderne, die von der Frankfurter Schule oder von Martin Heidegger kritisiert wurde, oder die Moderne, die man in der Postmoderne überwinden wollte oder zu überwinden glaubte? Allein die philosophischen Strömungen, die modern sein wollen, sind unzählig und widersprüchlich. Verwechselt Ourghi etwa eine bestimmte moderne Lebensweise mit dem Begriff der Moderne?

Eine Eigenheit jedoch an Ourghis Denken ist tatsächlich zutiefst modern, nämlich die Beseitigung jeglicher Ambivalenz, der absolute Wille zur Durchsetzung des eigenen Deutungsanspruchs. Muslime sollten selbstverständlich offen für Veränderungen und Kritik sein. Ihre Traditionen und Lehren waren seit jeher vielfältig und unterschiedlich. Auf eine Reformation, die diese Vielfalt zu beseitigen versucht und zu diesem Zweck eine schwarzweiße Karikatur des Islams zeichnet, haben die Muslime nicht gewartet.

Nimet Seker und Ali Ghandour