Sevrugian: Bilder des Orients

Grenzgänger zwischen Armenien und Persien

In einer einzigartigen Ausstellung zeigt das Museum der Weltkulturen in Frankfurt das Werk und die besondere Familiengeschichte der armenisch-iranischen Künstler Antoine-Khan Sevrguin und André „Darvish“ Sevrugian. Einzelheiten von Nimet Seker

Illustration aus dem Shahnameh von André Sevrugian; Foto: Privatbesitz Emanuel Sevrugian/Horst ZiegenfuszEine alte Schwarz-Weiß-Fotografie von 1899: Mit einer orientalischen Rüstung, Helm und Schild ausgestattet, posiert ein fünfjähriger Junge in herrschaftlicher Haltung.

Es handelt sich um André Sevrugian, Sohn des armenisch-iranischen Fotografen Antoine-Khan Sevruguin. Er spielt den Helden Rostam aus dem persischen Epos Shahnameh, das er später zum Thema seines künstlerischen Schaffens machen wird.

Diese Fotografie und weitere 96 Werke zeigt die Ausstellung „Sevrugian: Bilder des Orients in Fotografie und Malerei 1880-1980“ im Frankfurter Museum der Weltkulturen.

Bei den Künstlern handelt es sich um Vater und Sohn, die einer kosmopolitischen Diplomatenfamilie aus Teheran entstammten und trotz ihrer christlich-armenischen Identität in der persischen Kultur tief verwurzelt waren. Die ausgestellten Werke gehören der Sammlung von Emanuel Sevrugian, dem Enkel Antoine-Khans und Sohn André Darvishs, der heute in Heidelberg lebt.

An der Schwelle zur Moderne

Der Fotograf Antoine-Khan Sevruguin ist zu seiner Zeit im Iran der Pionier in seinem Metier. Seine Bilder dokumentieren auf eindrucksvolle Weise eine Ära an der Schwelle zur Moderne und lassen das Bewusstsein des Fotografen für den tief greifenden Umbruch des Landes in seiner Zeit erkennen.

Bettler in Teheran, Fotografie von Antoine-Khan Sevruguin; Foto: Privatbesitz Emanuel Sevrugian/Museum der WeltkulturenAntoine-Khan reiste mehrmals durch die Provinzen Persiens, um Szenen des Alltags und Monumente fotografisch festzuhalten. Er arbeitet im Dienste der Shahs in der Zeit von Naser ad-Din bis Reza Pahlavi; es gehörten aber auch europäische Archäologen zu seinen Kunden.

Durch seine weltoffene Art pflegte er einen intensiven Austausch mit den unterschiedlichsten Menschen im Land: Vom Leibarzt von Naser ad-Din Shah bis zu intellektuellen Kreisen, von der armen Landbevölkerung bis zu den Städtern Teherans, von den Stammesfürsten bis zu den Sufis. Er war ein doppelter Grenzgänger in kultureller und sozialer Hinsicht.

Der Harem: Kein erotisches Gefängnis

Seine Bilder relativieren das Bild eines vormodernen und rückständigen Iran im 19. Jahrhundert, das durch westliche Orientalisten und Ethnologen der damaligen Zeit überliefert wird:

So sieht man auf seinen Fotografien russische Ingenieure Telegrafenlinien bauen. Man sieht einen befreundeten Arzt und Gelehrten, der mit wachen Augen in einem Buch liest.

Und man sieht auch Angehörige des Harems, also der Familie, von Mozaffar ad-Din Shah: Die Frauen blicken selbstbewusst in die Kamera oder spielen Instrumente; weder ihre Kleidung noch die Anwesenheit von Kindern lassen das Klischee von einem imaginierten Harem als ein erotisch-exotisches Gefängnis aufkommen.

Während in sozialgeschichtlichen Studien über diese Zeit die Haremsfrauen als passive Objekte der sexuellen Begierde des Schahs dargestellt werden, wirkt diese Fotografie mehr wie ein Familienbild von Müttern und Kindern.

Angehörige des Harems von Mozaffar ad-Din Shah; Bettler in Teheran, Fotografie von Antoine-Khan Sevruguin, Fotografie von Antoine-Khan Sevruguin; Foto: Privatbesitz Emanuel Sevrugian/Museum der WeltkulturenSevruguins Porträts sind keine typisierenden Genrebilder, wie sie damals „en masse“ für neugierige Europäer hergestellt wurden – ihr Wert bemisst sich vielmehr anhand ihres dokumentarischen Charakters und des eigenen künstlerischen Stils.

Stets betont Sevruguin die Persönlichkeit der Menschen. Europäische Forscher und Orientreisende von damals dagegen pflegten Fotografien herzustellen, die eine Kategorisierung der Menschen und des Lebens erlaubten und ihre eigenen vorgefertigten Vorstellungen vom „Orient“ untermauerten.

Auch Antoine-Khan war offen für Einflüsse aus der persisch-islamischen Kultur: So wurden im Hause Sevrugian Feste gefeiert, bei denen Rezitatoren aus Ferdousis „Königsbuch“ Shahnameh vortrugen. Auch Sufis und muslimische Gelehrte wurden zum intellektuellen Austausch eingeladen.

Antoine-Khans Sohn André Sevrugian sog schon als Kind den Geist dieses kulturell durchlässigen Umfelds auf und widmete später sein Leben der Illustration der persischen Dichtung.

Ein neues Kapitel in der persischen Malerei

Nach dem Studium der Malerei an der Académie des Beaux-Arts in Paris begann André „Darvish“ Sevrugian in den 1920er jahren damit, neue Impulse in den erstarrten Stil der Buchillustration einfließen zu lassen, Elemente der westlichen Malerei:

Anders als im traditionellen Stil stehen bei ihm die Figuren im Mittelpunkt, sie werden mit individuellen, emotionalen Gesichtszügen dargestellt. Trauer, Lachen, Zorn und Liebe drückt sich in ihnen aus.

Der Betrachter erlebt die Figuren nicht mehr schablonenhaft erstarrt, sondern lebendig und dramatisch gesteigert. Mit seinem Stil eröffnete er ein neues Kapitel in der modernen persischen Malerei.

Illustration zu einem Vierzeiler von Baba Taher, André Darvish Sevrugian; Foto: Privatbesitz Dr. Emanuel Sevrugian/Foto: Horst Ziegenfusz  „Darvish“, so sein Künstlername, verbringt von 1924 an zehn Jahre in asketischer Zurückgezogenheit mit der Illustration des großen Epos Shahnameh, des „Königsbuchs“ von Ferdousi. 1934, pünktlich zum tausendjährigen Geburtstag von Ferdousi, werden die Bilder ausgestellt.

Es ist ein überwältigender Erfolg für den damals noch unbekannten Künstler. Seine Werke werden in Hyderabad, Kalkutta und Bombay und später in Wien, Berlin, Brüssel und London gezeigt.

Darvish, der asketische Künstler

Darvishs Bilder sind Einzelszenen und gleichen mehr Gemälden als Buchillustrationen. Allein ihre Größe erlaubt es kaum, sie der Buchillustration zuzuordnen.

Darvish war auch der erste Künstler, der diese Bilder bewusst als Malerei komponierte: Traditionell sind Illustrationen eine bildliche Zusatzinformation zum Erzählten, doch bei Darvish fließt der Text um die dargestellte Szene herum und ist ein kompositorisches Element im Bild.

Nach der Rückkehr aus Paris hatte Darvish einen philosophischen Zirkel mit einigen befreundeten Intellektuellen – darunter Sadeq Hedayat und Bozorg Alawi – gegründet, die ihm aufgrund seines tiefen Interesses für den Sufismus und seiner asketischer Lebensweise den Spitznamen „Darvish“ gaben, seinen späteren Künstlernamen.

Zeit seines Lebens beschäftigte sich Darvish mit der Welt der mystischen Dichtungen von Omar Chayyam, Hafez und Baba Taher, die die Inspirationsquellen für seine weiteres Werk waren.

Neben der ästhetischen Wirkung der Exponate besteht der besondere Reiz dieser Ausstellung in der Dokumentation der wechselhaften Familiengeschichte dieser iranisch-armenischen Künstlerfamilie über einen Zeitraum von 100 Jahren: Sie lebten nicht zwischen, sondern in den beiden Kulturen.

Nimet Seker

© Qantara.de 2009

Die Ausstellung läuft in Frankfurt noch bis zum 12. Juli 2009. Von Oktober bis Februar 2010 wird sie in Wien und im Sommer 2010 in Teheran gezeigt.
Dieser Artikel wurde veröffentlicht auf dem Dialogportal Qantara.de

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