Asli Bayram

Türkischstämmige Schönheitskönigin als Anne Frank

Die Zeiten, als türkischstämmige Schauspieler in Deutschland als Exoten galten oder allenfalls Nebenrollen spielten, sind längst passé. Beispiel ist die ehemalige Miss-Germany Asli Bayram, die mit ihrer Schauspielkunst als Anne Frank bewusst mit Stereotypen bricht und sich öffentlich gegen den Antisemitismus wendet, der auch unter europäischen Muslimen zugenommen hat. Von Nimet Seker

anne_frank1_copy_sascha_rhekerDie Narbe an ihrem linken Oberarm kann man unter der Strickjacke nicht erkennen. Dafür ist die große rote Hakenkreuz-Fahne auf der Bühne unübersehbar. Davor: Schrank, Tisch, Stuhl und Bett in kaltem Grau. Schmucklos. Ein Radio. Asli Bayram hält das rotkarierte Tagebuch fest umklammert. Ihre Stimme ist zart, fast intim.

Anderthalb Stunden steht sie mit der szenischen Lesung „Anne Frank: Das Tagebuch“ allein auf der Bühne. Je mehr die Minuten voranschreiten, desto verzweifelter spricht sie Anne Frank:

„Ich sehe abends oft die Reihen guter, unschuldiger Menschen vor mir, mit weinenden Kindern! Immer nur laufen müssen, kommandiert von ein paar Kerlen, geschlagen und gepeinigt, bis sie fast zusammen brechen. Niemand wird geschont. Alte, Kinder, Babys, schwangere Frauen, Kranke…alles, alles geht mit in dem Zug zum Tod. Und das alles, weil wir Juden sind.“

Szenenwechsel: Darmstadt 1994. Am 18. Februar steht abends ein Nachbar vor der Tür der Bayrams. Asli ist damals zwölf Jahre alt. Sie öffnet die Tür. Der Nachbar schimpft, Asli ruft ihren Vater. Mehrere Schüsse fallen. Ein Schuss trifft Aslis linken Arm. Ihr Vater wird vor ihren Augen erschossen. Notarzt und Polizei kommen zu spät: Aslis Vater verblutet vor den Augen der Familie. Der Nachbar ist ein Neonazi.

Ein starkes Statement

2005 wurde Asli Bayram zur ersten türkischstämmigen Miss Deutschland gewählt. Asli studierte damals wie zwei ihrer Schwestern Jura. Ihre Mutter ermunterte sie zur Teilnahme an der Miss-Wahl. Viele Deutschtürken waren über die Wahl von Asli Bayram begeistert.

In der Regel hört man von Schönheitsköniginnen nach einigen Jahren nichts mehr. Anders bei Asli. Schon bald nach der Misswahl weiß sie, dass die Showwelt nichts für sie ist. Sie konzentrierte sich auf eine Karriere als Schauspielerin. Seriöse Rollen möchte sie nur spielen, „Charakterrollen“, wie sie sagt.

Im Januar 2008 stand sie mit der szenischen Lesung von Anne Franks Tagebüchern erstmals auch in Deutschland auf der Frankfurter Theaterbühne. Die Presse war begeistert. „Dies ist eine wundervolle Frau, die ein sehr starkes öffentliches Statement macht“, sagt Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

Ihre Geschichte könnte die Schlagzeile für ein Boulevard-Blatt liefern: „Neonazi erschoss Vater von Schönheitskönigin.“ Aber weder möchte Asli öffentlich über den Tod ihres Vater reden, noch Boulevard-Königin sein.

Die Schauspielerin ist durch das Ereignis vom Februar 1994 schneller erwachsen geworden als andere. Die Narbe an ihrem Arm sieht man auf der Bühne nicht. Aber die Reife und Authentizität, mit der sie Anne Frank spricht, kann man durch Schauspielunterricht allein nicht lernen. „One of Germany’s most convincing and subtle actresses“ – mit diesen Worten beschrieb die englischsprachige „Times“ die Schauspielerin.

Hoffnung, Verzweiflung, Wahrhaftigkeit

Anne Frank musste sich zwei Jahre lang in einem Amsterdamer Hinterhaus vor den Nazis verstecken. Zusammen mit ihrer Familie und vier weiteren Menschen verbrachte sie auf 50 Quadratmetern zwei Jahre Gefangenschaft. Ihr Tagebuch „Kitty“ ist ein Dokument ihrer körperlichen und seelischen Entwicklung unter extremen Bedingungen.

Auf die Rolle der Anne Frank hat sich Asli intensiv vorbereitet. Wiederholte Lektüre des Tagebuchs, mit dem sie schon vertraut war, Besuch des Anne-Frank-Hauses in der Amsterdamer Prinsengracht und Recherchen zur Zeitgeschichte gehörten dazu.

Was bewegt sie an Anne Frank am meisten? „Ihre klugen, mutigen Gedanken, ihre Hoffnung, ihre Verzweiflung, ihre Wahrhaftigkeit“, sagt Asli Bayram.

Der Holocaust war bereits einmal Thema in der schauspielerischen Karriere Bayrams. In Wien war sie mit einer szenischen Lesung über eine imaginäre Konversation zwischen Hannah Arendt und Adolf Eichmann auf der Bühne. Aber: Sollte deutsche Geschichte nicht nur Deutsche etwas angehen?

Integration heißt Teilhabe

Bisher durften türkischstämmige Schauspieler in Deutschland stets die Exoten spielen. Oder banale Rollen ohne politische oder gesellschaftliche Bedeutung. Gern wurde ihnen der Türkenstempel aufgedrückt. Raum für künstlerische Entfaltung ließen die meisten Rollen nicht zu. Themen aus der deutschen Nazi-Vergangenheit sind ein Tabu.

Endlich ändert sich das: Mit der Rolle der Anne Frank setzt Asli Bayram ein doppeltes Zeichen. Zum einen bricht sie mit Stereotypen, zum anderen stellt sie sich öffentlich gegen den Antisemitismus, der auch unter europäischen Muslimen zunimmt.

Nur in Deutschland werde sie darauf angesprochen, warum sie als Muslimin eine Jüdin spiele. „Theater-Sensation: Muslimische Miss Deutschland spielt Anne Frank“, schrieb die BILD-Zeitung.

Aber Asli Bayram ist nicht die erste deutsch-türkische Schauspielerin, die sich mit der Nazi-Vergangenheit beschäftigt. Der Schauspieler Serdar Somuncu startete bereits eine erfolgreiche Lesung aus Hitlers „Mein Kampf“.

Damit zeigen diese Künstler, dass sie deutsche Geschichte auch etwas angeht. Dass sie deutsche Kultur mit gestalten wollen und können. Dass sie als facettenreiche und wandlungsfähige Künstler arbeiten und spezifisch „deutsche“ Themen behandeln können und wollen.

Integration heißt Teilhabe. Dies schließt auch eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte ein: „Wir leben in einer Welt, in der sowohl die Gegenwart, als auch die Zukunft und daher auch die Vergangenheit alle Menschen betrifft, egal in welchem Land sie geboren wurden oder wo sie leben“, meint Asli Bayram.

Nimet Seker

© Qantara.de 2008

Dieser Artikel entstand im Rahmen des gemeinsamen Projekts „Meeting the Other“ mit dem Online-Magazin babelmed.net im Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs. Mehr Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier

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