Murathan Mungan

Der Poet von Mardin

Murathan Mungan zählt zu den populärsten türkischen Schriftstellern der Gegenwart – nicht zuletzt, weil er dank seiner
experimentierfreudigen Erzählkunst provoziert und darüber hinaus mit gesellschaftlichen Tabus bricht. Nimet Seker mit einem Porträt des Autoren.

Murathan Mungan; Foto: Unionsverlag“In der Türkei wurde Literatur lange Zeit als Politikersatz verstanden. Literatur wurde geliebt und war populär im Dienste der Politik.”

Dieser Satz stammt von Murathan Mungan. Mungan ist in der Türkei ein Kultautor und mindestens so erfolgreich und bekannt wie Orhan Pamuk. Er schreibt nicht nur Literatur und Songtexte – ihm selbst sind ganze CDs gewidmet. Fast täglich tragen sich begeisterte Leser in das Gästebuch seiner Website ein: “Ich habe Literatur studiert, aber was Literatur ist, habe ich von Ihnen gelernt”, schreibt ein Leser.

Ursprünglich kommt Mungan vom Theater. Jahrelang hat er als Dramaturg für staatliche Bühnen in Ankara und später in Istanbul gewirkt. Als Theaterautor wurde er in den 80er Jhren bekannt. Schon damals arbeitete er in seiner “Mesopotamien-Trilogie” (Mezopotamya Üçlemesi) mit dem für ihn typischen Stoff, der sich aus der Materialfülle der anatolischen Mythenwelt speist. Daher erscheint der Kontext seiner Geschichten für den westlichen Leser zunächst unverständlich:

Gedächtnis des Ostens

“Wenn ich im Westen bin, fühle ich mich nackt”, sagt der Autor auf einer Lesung in Deutschland. “Die Meister, die vor mir geschrieben haben, fehlen mir und der Schatten, den sie auf mich werfen.” Mungan verarbeitet den Stoff aus arabisch-kurdisch-alevitischen Legenden und Liedern zu moderner Literatur. “Gedächtnis des Ostens” nennt Mungan diesen Stoff, der über Jahrhunderte tradiert wurde.

So traditionell der Stoff auch ist – Mungan gibt den Figuren einen modernen, individuellen Charakter. Sie erleben existenzielle Situationen, stoßen an ihre Grenzen, haben Ängste und Emotionen, sind sich ihrer Identität bewusst.

Geboren 1955 in Istanbul, wuchs Mungan in der südostanatolischen Stadt Mardin auf. Das Miteinander von Muslimen, orthodoxen Christen, Aramäern und Yeziden in Mardin habe ihn eine Art Gefühl von Demokratie in ganz einfachem Sinn vermittelt, schreibt er später über seine Kindheit.

Multilinguales osmanisches Erbe

Mungan selbst stammt väterlicherseits aus einer angesehenen arabisch-kurdischen Familie, dessen Herkunft sich bis in osmanische Zeiten zurückverfolgen lässt. Die südostanatolische Stadt Mardin, nahe der syrischen Grenze, ist Teil des antiken Mesopotamiens und birgt bis heute sichtbare Spuren von verschiedenen Völkern und Religionen.

Das Interesse an diesem multiethnischen und multilingualen osmanischen Erbe ist ein Trend in der zeitgenössischen türkischen Literatur. Elif Shafak verwendet beispielsweise bewusst “ausgestorbene” oder längst vergessene Begriffe. Es sind jene arabischen und persischen Wörter, die von der “Gesellschaft für türkische Sprache” mit türkischen Wörtern ersetzt werden. Dieser staatlich verordneten Sprach-, und damit auch Kulturpurifizierung setzen zeitgenössische Autoren etwas entgegen. So auch Mungan.

Schon sein erster Gedichtband “Osmanlıya Dair Hikâyât” (”Geschichten über die Osmanen”) orientiert sich thematisch und sprachlich am Osmanischen. Die Erzählung “Der Großwesir und sein Bote” (erschienen in “Palast des Ostens”) handelt von den Ereignissen um den geheimnisvollen Tod von Sultan Mehmet II., dem Eroberer Konstantinopels. Darin stellt der Erzähler die offizielle Geschichtsschreibung über den rätselhaften Tod des Sultans in Frage:

Die Geschichtsschreiber zeichneten die Landkarten der Vergangenheit nach dem Bild ihrer Gegenwart. Sie fügten die halb versunkenen, versehrten, zerstreuten Scherben des Geschehens zusammen, ordneten sie neu – ohne zu wissen, welche Bedeutung sie in einer Welt von Angst, Gerüchten und Zauberei hatten. So sind sie, die Geschichtsschreiber. Zeichnen das Panorama von ihrem Standpunkt, wann immer sie in die Vergangenheit blicken.
Die Karte aber, auf der wir unsere Würfel werfen, weiß, dass die Geschichte ein Fantasiegebilde ist.

Man kann dies als eine Absage an die offizielle Schulbuchgeschichte der türkischen Republik lesen.

Bruch mit Tabus

Aber auch ansonsten ist Mungan eine Ausnahmefigur. Nicht nur seine Themen und seine kurdisch-arabischen Wurzeln passen nicht so recht in den konventionellen Rahmen. Mungan ist homosexuell und spricht offen darüber. Genau wie seine Figuren setzt er sich über Tabus hinweg und positioniert sich außerhalb gesellschaftlicher Normen.

Cover "Palast des Ostens"Als ein Journalist Mungan mit den Worten „Ich bin homosexuell“ zitiert, erklärt Mungan der Presse: Er sei nicht homosexuell, er sei schwul. Homosexualität bezeichne nur eine Form von Sexualität, Schwulsein sei aber eine Lebensart. Als Werbung für seine Bücher benutzt er seine schwule Identität aber bewusst nicht.

Mungan präsentiert sich der Öffentlichkeit gern als Gesamtkunstwerk, dazu gehört auch eine gewisse Exzentrik: “Ich bin ein schauspielender Autor, ich verkörpere die Charaktere, über die ich schreibe. Wenn man in meinem Haus eine versteckte Kamera installierte und Sie mich beobachteten, wenn ich eine Geschichte schreibe, würden Sie mich wirklich für einen Geisteskranken halten”, sagt der Autor über sich selbst.

“Palast des Ostens” ist das erste Buch von Mungan in deutscher Sprache. Die Auswahl und der Titel wurden von Mungan selbst getroffen. Erschienen ist der Band in der Reihe “Türkische Bibliothek”, mit dem der Schweizer Unionsverlag zeitgenössische türkische Autoren dem Leser bekannt machen will. Doch der Dichter hat längst unzählige Bücher publiziert.

Mungans weiteres Schaffen bleibt somit dem deutschen Leser zunächst verwehrt. Leider, muss man sagen. Denn es wird Zeit, dass Mungan auch außerhalb seiner Landesgrenzen gelesen wird.

Nimet Seker

© Qantara.de März 2008

Dieser Artikel wurde veröffentlicht auf Qantara.de

Zitat aus meinem Artikel beim Blumenbar Verlag (”Tschador”)

Website von Murathan Mungan

Rezension von “Tschador”

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