Mrs. Atatürk – Latife Hanim

Verleumdet, aber nicht vergessen

Fast 34 Jahre nach ihrem Tod wird über sie so heftig gestritten wie noch nie zuvor: Latife Ussaki, die Ehefrau von Atatürk. Doch ein Buch stellt sie nun in ein anderes Licht: Mit „Latife Hanim“ hat die Journalistin Ipek Calislar ein überraschendes und kontrovers diskutiertes Porträt vorgelegt. Nimet Seker stellt es vor.

MrsAtatuerkAls Latife Ussaki im Februar 1923 die Loge des Diplomatischen Korps des türkischen Parlaments in Ankara betritt, drehen sich weiße Turbane, rote Fese und dunkle Pelzkalpaks zu ihr herum, eine tiefe Stille legt sich über die Versammlung.

Der französische und der sowjetische Botschafter erheben sich von ihren Plätzen. Die Ehefrau von Mustafa Kemal ist gekommen, um der Rede zuzuhören, die sie am Abend zuvor gemeinsam mit ihrem Mann geschrieben hat. Bis dahin war es undenkbar gewesen, dass eine Frau das Parlament betritt.

Nach der Rede sagt einer der Abgeordneten zu Latife: „In Ihrer Person hat die türkische Frau heute eine Revolution erlebt!“

Wenige Monate später sollen Parlamentswahlen stattfinden. Latife Ussaki teilt Mustafa Kemal mit, dass sie als Abgeordnete ins Parlament einziehen möchte. Zu diesem Zeitpunkt ist weder die Republik ausgerufen noch gibt es ein Frauenwahlrecht. Latife Ussaki ist ihrer Zeit weit voraus.

Dennoch galt sie bis zur Veröffentlichung des Buchs „Latife Hanim“ als die widerspenstige, streitsüchtige Frau, von der Atatürk sich nach zweieinhalb Jahren Ehe scheiden ließ.

Das andere Bild von Latife Hanim

Die türkische Journalistin Ipek Calislar wollte sich mit diesem Bild nicht zufrieden geben und legte nach langer, akribischer Recherche ein überraschendes Porträt über Latife Hanim vor. Dieses Buch, das darauf ausgerichtet ist, das Bild von Latife Hanim zu korrigieren, erregte großes Aufsehen. Es wurde nicht nur ein Bestseller, sondern brachte der Autorin auch eine Klage ein.

LatifeUsakligil_MustafaKemalAtaturkDoch wer war diese Frau neben Atatürk, die die Türkei heute noch so beschäftigt?

Stück für Stück setzt Calislar aus den Ergebnissen ihrer Recherche ein fast vollständiges Puzzle von Latife Hanims Profil zusammen: Latife Hanim entstammt der wohlhabenden Kaufmannsfamilie Usakizade aus Izmir und gilt damals als die reichste Tochter des Landes.

Ihre Schulbildung hat sie in Europa genossen und an der Sorbonne Jura studiert, sie spricht mehrere Sprachen und ist hochgebildet. Sie ist mutig, wortgewaltig und willensstark – eine außergewöhnliche Frau.

Die beiden lernen sich 1922 kurz nach der Befreiung von Izmir im Haus der Usakizades kennen. Mustafa Kemal funktioniert gerade die Villa in sein Hauptquartier um, von wo aus er den Befreiungskampf leitet.

Latife brennt geradezu vor Eifer und begeistert sich für den Befreiungskampf Atatürks. Und Atatürk teilt und schätzt ihre Ideen zur Modernisierung der Türkei. Schon vor der Heirat kümmert sich Latife um einige politische Angelegenheiten von ihm, so schreibt sie eine diplomatische Mitteilung an die englische Marine.

Tabubruch ohnegleichen

Es wird schnell klar, dass Latife in der politisch entscheidenden Phase an Atatürks Seite ist. Schon die religiöse Trauungszeremonie der beiden ist ein Tabubruch ohnegleichen: Entgegen der Tradition sitzt Latife Hanim und nicht ein Vormund am Tisch und Atatürk zahlt als Brautpreis den verschwindend geringen Betrag von zehn Dirhem, was die Gleichstellung von Mann und Frau symbolisieren soll.

Auch die öffentlichen Auftritte von Latife neben Atatürk kommen einem Skandal gleich: Latife trägt keinen Gesichtsschleier, auf einigen Fotos sieht man sie in Reiterhosen, sie spricht bei öffentlichen Anlässen über Frauenrechte und schert sich nicht um die damals auch in der politischen Elite noch üblichen Geschlechtertrennung. Atatürk und seine Frau leben die Revolution des Geschlechterverhältnisses vor.

In den Augen Atatürks repräsentiert Latife das zukünftige Frauenmodell. Es ist offensichtlich, dass sich Mustafa Kemal und Latife lieben, doch es ist mehr als eine Liebesheirat: „Ich heirate nicht, um zu heiraten. Um in unserem Vaterland ein neues Familienleben zu schaffen, muss ich selbst mit gutem Beispiel voran gehen. Sollen die Frauen denn nur ewig Dienerinnen bleiben?“, fragt Atatürk.

Doch nach nur zweieinhalb Jahren lässt sich Atatürk von ihr scheiden. Latife wird vergessen oder verleumdet. In der öffentlichen Meinung verfestigt sich das Bild von einer scharfzüngigen und streitsüchtigen Frau, die die Nerven Mustafa Kemals überstrapazierte.

Verleumdet und geächtet

Interessant ist der Vollzug der Scheidung: Atatürk scheidet sich einseitig nach islamischem Recht, über eine zweizeilige Staatserklärung. Das moderne Scheidungsrecht, das Latife mitangestoßen hatte, war noch nicht in Kraft getreten.

Mit der Scheidung wird Latife plötzlich von der Umjubelten zur Geächteten, sie meidet die Öffentlichkeit, zieht sich zurück. In den 1950er Jahren dann startet eine regelrechte Schmutzkampagne gegen sie. Doch die Kampagne schafft es nicht, Latife Hanim in Vergessenheit geraten zu lassen. Latife Hanim scheint sich ins Bewusstsein der Türken tief eingegraben zu haben.

Ipek Calislar interessiert sich nicht nur für die entscheidende politische Phase, in der Latife neben Atatürk stand, sondern recherchiert auch über das weitere Leben Latife Hanims.

Sie widmet sich der Frage, warum Latife Hanim öffentlich verleumdet wurde, möchte aber auch keine endgültigen Antworten geben. Denn Calislar ist sich bewusst, dass ihr nicht alle Dokumente zugänglich waren. Noch befinden sich Dokumente im Besitz der Türkischen Historischen Gesellschaft, die nicht zugänglich sind.

Kein Wort über den Staatsmann

Wissend um ihre Krebserkrankung soll Latife vor ihrem Tod viele private Briefe und Dokumente vernichtet haben. Seit ihrer Scheidung sprach sie in der Öffentlichkeit kein Wort über den Staatsmann, auch nicht über die Gründe der Scheidung.

Neid dürfte ein Grund für die Verleumdung gewesen sein und ein Machtstreit zwischen Latife und den politischen Führungspersönlichkeiten neben Atatürk in Ankara. Denn Latife wusste sehr viel, sie war die Vertraute Atatürks und seine politische Mitstreiterin.

Mit ihren Sprachkenntnissen öffnete sie ihm eine Tür zum Ausland, sie hatte Kontakt zu ausländischen Journalisten, sie fasste täglich die ausländische Presse für Atatürk zusammen. Auch formte sie seine Ideen mit, ja, übte regelrecht Druck auf den Staatsmann aus: Frauen sollten ihren Gesichtsschleier ablegen.

Außerdem unterstützte sie die Ausarbeitung eines Zivilgesetzes, das die nach islamischem Recht mögliche einseitige Scheidung durch den Mann und die Polygamie abschaffen sollte.

Calislar zeigt auch Widersprüchlichkeiten in der Persönlichkeit Atatürks: Zwar sieht er seine Frau als Vorbild der modernen türkischen Frau an, doch er lässt sich einseitig nach islamischem Recht von ihr scheiden.

Und so wird Calislars Atatürk menschlich greifbar: Er ist ein Mann, der sich nicht um seine Gesundheit schert, der Latife einen poetischen Heiratsantrag macht, der seine Frau darum bittet, bei Tischgesellschaften Tschaikowsky zu spielen. Selbst nach der Scheidung schickt er ihr immer wieder Rosen. Auf der anderen Seite stehen seine autoritären Züge – doch diese sind auch bei Latife nicht zu verkennen.

Noch immer wird in der Türkei um Latife Hanim viel gerätselt und diskutiert. Nur ein Jahr vor der Veröffentlichung dieses Buchs war zum 30. Todestag von Latife Hanim eine heftige Debatte um die persönlichen Dokumente im Archiv der „Türkischen Historischen Gesellschaft“ entbrannt. Was stand in diesen Dokumenten? Könnten sie eventuell ein anderes Licht auf den großen Staatsmann, auf Latife und die frühen Republikjahre werfen?

Nach der Lektüre des Porträts zumindest wird klar: Ohne Latife Hanim an der Seite von Atatürk wären die ersten Jahre der Republik, insbesondere die Verbesserung der Frauenrechte und der Emanzipation, anders verlaufen.

Auch wenn an vielen Stellen Calislars Darstellung zu detailverliebt und in die Tiefe gehend erscheint, stellt ihr Buch einen wichtigen Beitrag für ein realisitisches Bild von Latife Hanim und der ersten Republikjahre unter Atatürk dar.

Nimet Seker

© Qantara.de 2009

Ipek Calislar: Mrs. Atatürk. Latife Hanim. Orlanda Verlag, 2008.

Lesen Sie eine längere Version des Artikels auf den Seiten des Eurasischen Magazins.

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