„Jüdische und arabische Kosmopoliten: Wir wollen mehr als Dialog“

Interview mit A. S. Bruckstein Çoruh

Die Kunst- und Denkwerkstatt ha’atelier greift kosmopolitische jüdische und arabisch-muslimische intellektuelle Traditionen auf und setzt sie in Bezug zu zeitgenössischer Kunst. Dabei hebt sie die Dichotomie von Ost und West auf. Was das Politische daran ist, erklärt die Direktorin von ha’atelier, Shulamit Bruckstein Çoruh, im Gespräch mit Nimet Seker.

Was ist ha’atelier? Worin besteht Ihre Arbeit?

Bruckstein Çoruh: Ha’atelier ist eine Plattform für künstlerische und kuratorische Denkprozesse von Intellektuellen, Künstlern und Kuratoren aus aller Welt. Sie arbeitet themenbezogen an verschiedenen Orten. Unsere Arbeit geht von Objekten aus, wir inszenieren diese in einem Kaleidoskop zeitgenössischer kritischer Fragestellungen öffentlich neu, wobei wir auch klassische Objekte – etwa der klassischen islamischen Kunst – miteinbeziehen.  Ein Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Renaissance kosmopolitischer islamischer und jüdischer Traditionen. Wir unterlaufen damit den gängigen politischen Diskurs, der von einem Gegensatz europäischer und jüdischer „Werte“ auf der einen Seite und arabisch-islamisch-außereuropäischen Traditionen auf der anderen ausgeht.  Dass die jüdische Tradition in weiten Teilen selbst eine arabische war und ist, wurde durch die mörderische Geschichte des europäischen 20. Jahrhunderts weitgehend vergessen.  Jede zeitgenössische Inszenierung der engen Berührung jüdischer und islamischer Traditionen bedeutet daher eine radikale Inversion der politischen Landschaft.

Das Besondere unserer Projekte ist sicherlich der Rückbezug zeitgenössischer Positionen auf klassische Positionen und Objekte. Wir lesen die Dinge rückwärts, nach dem Prinzip der textilen Verwobenheit zeitlicher und örtlicher Zwischenräume. Die Fäden unserer Fragestellungen laufen vom Späteren zum Früheren, von Antworten zu Fragen, von der vorwegnehmenden Imagination zur Realität der Objekte. Wir arbeiten mit Objekten – Texten, Werken, Performance, akustischen Installationen – nach dem Prinzip der freien Assoziation, die – wie wir von Freud wissen – ja an präzise Bedingungen geknüpft ist: vor allem an die Dynamik der Verschiebung und Verschleierung.  Wir zitieren gern – und verrücken die Dinge dabei gern von ihrem angestammten Platz.

In den Projekten von ha’atelier arbeiten Künstler und Gelehrte an bestimmten Fragestellungen gemeinsam. Die Vergegenwärtigung der Dinge geschieht unter dem Aspekt einer gemeinsamen Fragestellung. Das Zitieren der Dinge im Rahmen der atelier-Arbeit lässt Dinge ganz verschiedener Orte und Zeiten gleichzeitig werden. Dabei entstehen neue, oft ganz unerwartete Kontexte. Verdrängung, Verdichtung Verschiebung, dies sind nicht nur Prinzipen der Freud’schen Traumdeutung. In der Verschiebung der Objekte unterlaufen wir den Ost-West, bzw. „Europa und Islam“-Diskurs mit all seinen vereinfachenden, oft brutalen Zuschreibungen. Die Tatsache, dass wir ständig und sofort unseren Standort wechseln können, dass wir kein „Haus“ haben, dass wir also eine Orts-lose Plattform sind, die dennoch mit den Ressourcen  einer prominenten internationalen Faculty arbeitet, darin liegen unsere Vorteile gegenüber etablierten Häusern.

An unserem letzten Projekt, der Ausstellung „TASWIR – Islamische Bildwelten und Moderne“ waren über siebzig Künstler und Gelehrte aus aller Welt beteiligt.  In unserer Arbeit unterlaufen wir den Diskurs des „Dialogs der Kulturen“: Für uns gibt es keine „Wesensattribute“ großer Kulturen, wir arbeiten lieber an den Objekten entlang und verbinden dabei unsere Fragestellungen, ob nun aus Ramallah, New York oder Paris kommend. Eine Kulturdebatte, die kollektive Kulturen gegeneinander abgrenzt und ausspielt, ist verdeckter Rassismus. Dies ist die Position des Gelehrten Aziz el-Azmeh und wir teilen diese Position. Wir unterlaufen den kulturellen Dialog und die Idee der Interdisziplinarität gleichermaßen: Denn auch die Grenzen der Disziplinen verlaufen sich, wenn man in seiner Arbeit mit der Radikalität der Fragen beginnt, die zwischen den Objekten, Orten und Personen entstehen.  Ha’atelier ist eine Art Denkraumschöpfung.  Es bespielt Zwischenräume und Lücken des Zwischens, Lücken des Gedächtnisses, und bietet gleichzeitig einen Widerstand gegen das Vergessen, ein Gedächtnis für das Vergessen(e), in den Worten des Dichters Mahmud Darwish.

Sie sagten vorhin, dass sie kosmopolitische, jüdische und islamische Traditionen aufgreifen und wiederbeleben. Was sind diese Traditionen?

Bruckstein Çoruh: Früher – vor der Shoah – wurden die kosmopolitischen Traditionen klassischerweise  durch Juden verkörpert.  Es gab ein kosmopolitisches Judentum, in Europa und in der arabischen Welt, das sich selbst als frei von territorialen Grenzen gesehen hat. Es war vielsprachig und aus einem primären Gefühl des Unbeheimatet-Seins heraus an vielen Orten „zu Hause“. Mit der Staatsgründung des Staates Israels ist dieser Typus des kosmopolitischen Juden  einer allgemeinen Staatstreue gewichen, die auch von jenen geteilt wird, die gar nicht „im Lande“ leben. Die Figur des Kosmopoliten verträgt sich aber nicht mit Staatsgrenzen. Die Renaissance der kosmopolitischen Traditionen, die auf der Erfahrung des Exils beruht, wird heute maßgeblich von arabischen, insbesondere libanesischen und palästinensischen  Künstlern und Gelehrten vorgetragen, die einen existentiellen Bezug zum Leben im Exil haben.  Die deutschsprachigen jüdischen Traditionen des 19. Jahrhunderts wie auch die arabischsprachigen des 13. Jahrhunderts spielen für die Renaissance des Kosmopolitismus eine herausragende Rolle. In Europa sind diese Traditionen aus verschiedensten Gründen weitestgehend verdrängt. An ihnen arbeitet ha’atelier.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel für die Reichweite der klassischen arabischsprachigen Traditionen.  In unserer Ausstellung TASWIR haben wir einen Raum inszeniert, der „Prophet und Porträt“, „Face and Effaced Face“ hieß.  In der Konzeption dieses Raumes haben wir philosophische Standpunkte arabischer und judeo-arabischer Philosophen und Dichter aus der Zeit vom 10. bis 13. Jahrhundert befragt. Insbesondere deren Kritik der Mimesis, ihre Kritik der Auffassung, dass die Malerei / das Zeichnen vor allem den Versuch darstelle, die Natur abzubilden, oder zu imitieren. Die Kunst produziere kein Abbild der Natur.  Sondern vielmehr, so die arabischen klassischen Philosophen, nehme sie in ihrer Darstellung der Natur den Umweg über Poesie und Sprache.  So gleicht das Antlitz des Propheten der Form des Mondes, weil der Dichter sagt: „Sein Antlitz war schön wie der Mond.“  Der arabische Diskurs nimmt die moderne Bildkritik vorweg: Wenn Cézanne Anfang des 20. Jahrhunderts beschreibt, wie ein Porträt in einem blinden Nichts der Anschauung seinen Anfang nimmt,  so findet diese Position eine sehr differenzierte Ausarbeitung in der arabischen Philosophie des 12./13. Jahrhunderts, etwa bei Ibn Rushd, Maimonides und anderen.  „Der blinde Illustrator“, der im Dunkeln die Pferde des Propheten zeichnet, findet sich in unserem Projekt in einer zeitgenössischen Auseinandersetzung mit Derrida’s „Selbstporträt eines Blinden“ wieder.  Das ist doch eine spannende diachrone Korrelation, die die „Rückwärtsgewandtheit“  islamischer Positionen aufhebt, und dies ausgerechnet in einer neu-entdeckten Kunst des „Rückwärtslesens“ – von der Zukunft in die Vergangenheit.

Und noch ein interessantes Beispiel aus unserer Arbeit.  Hier geht es um das Verhältnis von Schrift- und Bildtraditionen im Werk von Surrealisten, Dada und anderen Strömungen der Moderne, in denen die Schrift zu einer Art Landschaft visueller Zeichen wird. Die Semantik dieser Künstler ist keine verbale, sie vermittelt keine lesbaren Botschaften, ihr Schriftzug ist Performance, sie ist „Écriture automatique“.  Da gibt es eine faszinierende Parallelität zu Sufi- und kabbalistischen Traditionen, die wir in den Projekten von ha’atelier erproben. Denn es gibt klassische Traditionen, die die Buchstaben des Korans oder der Thora als semantische Chiffren verstehen, die für alle Lese-Richtungen offen sind, und sich von rein verbalen Bedeutungsfeldern befreien. Konkret heißt das: Buchstaben sind performative Zeichen, in der Rezitation werden sie zur Bewegung und zur akustischen Information.  Der Umgang mit der Schrift und ihren Zeichenlandschaften kann ein unglaublich sinnlicher sein, weit weg von jeder ideologischen Verhärtung.  Wir haben Koranmanuskripte aus dem Maghreb des 12. Jahrhunderts deshalb mit Graphiken von Picasso gezeigt, und neben den fantastischen Arbeiten von Max Ernst, die er unter dem Titel einer „Illegalen Übung zur Astronomie“ fasst: Zeichenlandschaften des Unendlichen, die einen Zugang zur Matrix der Schöpfung, zur Mathematik des Unendlichen, zu Problemen von Spiralnebeln und anderen Dingen spielerischer Art suggerieren. Wir haben versucht, a-lineare Strukturen, Formen der Unbestimmbarkeit und Unschärfe zu zeigen, die tief in den jüdischen und islamischen Traditionen verwurzelt sind, weit weg von der europäischen Polemik über den Islam, aber ganz nah an einer Agenda, die alle hier zu Lande suchen: Wir praktizieren einen Umgang mit außereuropäischen Traditionen, mit Quellen der arabischen Welt, mit prä-kolonialen Formen des Wissens, der die linearen Narrative europäischer Geschichtsschreibung unterläuft und den polemischen Gegensätzen von Ost und West nicht Folge leistet.

Das klingt sehr abstrakt und theoretisch.

Bruckstein Çoruh: Es ist weniger theoretisch als es aussieht. Die Kunst von ha’atelier liegt darin, Objekte zu verschieben, und unsere Arbeit dabei sehr konkret und sinnlich an der Oberfläche der Objekte zu halten, die Sinne zu schärfen für die unendliche Verknüpfbarkeit der Dinge untereinander. Wenn ich zum Beispiel eine persische Metallarbeit aus dem 16. Jahrhundert vor mir habe, so interessiert mich daran, wie viel Widerstand das Material gegen den Akt des Schreibens aufbietet, wie viel Kraft bedarf es, um ein kalligraphisches oder ornamentales Band in die Materialität des Metalls einzuschreiben. Mich interessiert die materielle Spur der Bewegung im Schreiben. Das sind ganz konkrete Erfahrungsmomente, die genau in dieser Form auch einen Meister der Kalligraphie aus dem arabisch-sprachigen Bagdad des 10. Jahrhunderts interessierten, oder eben einen zeitgenössischen Choreographen wie William Forsythe, der über eines seiner Werke sagt: „Alles Schreiben muss sich gegen Widerstände durchsetzen.“

Ha’atelier entwickelt eine subjektive Objektwissenschaft. Wir inszenieren eigentlich nur unsere eigenen Prozesse des Fragens. Es sind mehr Fragestellungen als Thesen, die wir einem Publikum öffentlich vorstellen wollen.  Das ist das Wunderbare an dieser Art von vorläufigen Arbeit: Dass wir uns trauen, ein blindes Tasten zu präsentieren, ein Ertasten der Zwischenräume und Lücken des Wissens.  Dabei zitieren wir die autobiographischen Kontexte, in denen bestimmte Fragestellungen und Konstellationen für uns aufgetaucht sind, mit.  Als ich mich etwa in Istanbul mit Nazan Ölçer, der Direktorin des dortigen Sabanci-Museums, getroffen habe, zeigte sie das erste Mal eine Picasso-Ausstellung in Istanbul, während in der oberen Etage des Museums eine wunderbare Sammlung osmanischer Kalligrafien aus dem 19. Jahrhundert anzusehen war.  So entsteht eine Assoziation vor Ort: Nachdem ich Picassos „Le chants des morts,“ seine grafischen Marginalien zu Pierre Reverdys „Gesänge der Toten“ gesehen hatte – Punkte, Unterstreichungen, Ausrufezeichen, emphatische Linien – stellte ich mir die Frage: Was bedeutet es, sich einzumischen in eine Landschaft der Worte des Dichters mit physischer Emphase? Hat das etwas zu tun mit dem Überschüssigen der kalligrafischen Arbeit? Mit überschüssig meine ich, das, was über das rein Verbale hinausgeht. Das sind Fragen, die traue ich mich erst aus einem Gespräch mit anderen Gelehrten heraus zu zeigen; aus solchen Gesprächen ergibt sich dann eine gewisse Richtung, eine Forschungsrichtung. Wir verstehen uns als ein langjähriges Forschungsprojekt.  Ohne staatliche Förderung, das ist das Schwere daran. Dieses Projekt produziert auf eine sehr stringente, eigene Art eine Fülle originärer Materialien. Es ist eine vorläufige Ordnung, die wir zeigen, aber gerade das ist das Interessante an den Projekten von ha’atelier.

Gab es schonmal Probleme, zum Beispiel israelische und palästinensische Künstler zusammen zu bringen?

Bruckstein Çoruh: Bisher sind wir gottseidank niemals in die Falle geraten, uns als einen europäischen, „dritten“ Ort zu verstehen, an dem möglich werden soll, was sonst nicht möglich sei, nämlich eine Begegnung, ein „Dialog“ sonst „verfeindeter Positionen.“  Eine Selbstbeweihräucherung des europäischen Standpunkts – so etwas machen wir gar nicht. Wir verfügen über keine binären, dialogischen Konstrukte, die ja auf einer Ordnung des „Wesens“ kollektiver Identitäten aufgebaut sein müssten, die sich dann „begegnen.“  Nur unter diesen Voraussetzungen könnte man dann von „Dialog“ sprechen.  Wir arbeiten mit keinen territorialen, nationalen Definitionen in ha‘atelier, die das erlauben würden. Wir sagen also nicht: Hier redet ein palästinensischer mit einem israelischen Künstler oder Gelehrten.  Sondern vielmehr:  Uns interessiert, was Mahmud Darwish mit „Einem Gedächtnis für das Vergessen“ meint und fragen uns: Was für eine Konzeption von Gedächtnis und Sprache ist das? Wir wollen dann Positionen dazu zu Gehör bringen, die selbstverständlich von lokalen Standpunkten geprägt sind, die diesen aber nicht verhaftet sind. Wir initiieren Gesprächssituationen über geteilte Fragestellungen.  Manchmal geraten wir damit an die Grenze dessen, was die deutschen Institutionen aushalten können. Insbesondere, wenn jüdische und palästinensische Intellektuelle gemeinsam kosmopolitische Positionen vertreten. Wie etwa in dem Fall eines palästinensischen Gelehrten aus Ramallah, Abdul-Rahim Al Shaikh, der die Sichtbarkeit der internationalen palästinensischen Künstler mit ihrer militärisch erzwungenen Exilsituation in Verbindung gebracht und gewagt hatte, die koloniale israelische Politik beim Namen zu nennen. Noch dazu in einem gemeinsamen Auftritt mit einem jüdischen Kollegen, einem der „neuen“ Historiker, die für ein Palästina für alle seine Bürger plädieren. Aber auch dies würde ich nicht Dialog nennen.  Eher ein Erproben des Wiedererwachens einer kosmopolitischen Haltung, für die die Erfahrung des Exils maßgeblich ist.

Interview: Nimet Seker

Almut Shulamit Bruckstein Coruh ist Professorin für Philosophie und Kuratorin, zuletzt von „TASWIR. Islamische Bildwelten und Moderne“ im Berliner Martin-Gropius-Bau.

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