Ilija Trojanow über F.M. Esfandiary

Identitätssuche im Labyrinth der Bürokratie

Im Gespräch mit Nimet Seker berichtet der Schriftsteller Ilija Trojanow über den von ihm herausgegebenen Roman „Der letzte Ausweis“ von F.M. Esfandiary, der die Absurditäten der iranischen Bürokratie der 1960er Jahre darstellt.

Ilija Trojanow; Foto: Thomas DornHerr Trojanow, der Roman von F.M. Esfandiary ist vor über 40 Jahren erschienen. Jetzt haben Sie das Buch erstmals ins Deutsche übersetzt und herausgegeben. Wie sind Sie auf das Buch aufmerksam geworden?

Ilija Trojanow: Durch die Originalausgabe, die ja in den USA erschienen ist. Eines Tages hat mir das Buch der somalische Schriftsteller Nuruddin Farah, ein sehr enger Freund von mir, in die Hand gedrückt. Als ich dann begonnen habe, die Reihe „Weltlese“ herauszugeben, habe ich mich daran erinnert.

Ich finde, es ist immer noch eines der bemerkenswertesten Romane über die Themen Heimat, Entwurzelung, Rückkehr und die Suche nach einer eigenen, neuen Identität, die dann nicht mehr in die vorgegebenen Identitätsmuster passt, die man zu Hause findet. Das ist ein sehr großes, sehr bewegendes Thema. Es betrifft im 21. Jahrhundert weltweit Millionen von Menschen.

Wir haben global eine wachsende Zahl von Migranten, also von Menschen, die außerhalb ihrer Herkunftsländer leben, lernen und arbeiten. Es ist natürlich auch ein Thema, was mir sehr nahe liegt – aufgrund meiner eigenen Biografie.

Inwiefern war denn Esfandiary selbst auch ein Migrant, ein Mensch, der zwischen den Kulturen stand?

Trojanow: Er ist ein Diplomatensohn, und ich selbst habe als Jugendlicher einige solcher Diplomatenkinder in Kenia kennen gelernt, wo ich aufgewachsen bin. Die sind natürlich wirklich gestraft, weil sie nicht nur entwurzelt wurden, sondern sie haben auch immer wieder alle drei oder vier Jahre eine neue Heimat finden müssen. Das kann sich manchmal auch traumatisch auswirken. F.M. Esfandiary aber war offensichtlich ein echter Weltbürger. Er sprach sehr viele Sprachen, ist sehr viel gereist, hatte Freunde aus allen möglichen Lebensphasen, kam jedoch ursprünglich aus dem Iran.

Das ursprüngliche Manuskript zum Roman wurde 1966 in einem Teheraner Postamt abgefangen und konfisziert. Der Roman konnte dennoch veröffentlicht werden. Wie ist das gelungen?

Trojanow: Das ist ja nicht einmalig in der Geschichte der Literatur. Es ist ganz erstaunlich, wie oft sich so was wiederholt, wenn Geheimdienste oder andere staatliche Institutionen Manuskripte einziehen. Es ist so, dass man dann entweder eine Kopie gemacht hat, oder dass man das Buch noch einmal schreiben musste. Im Fall von Esfandiary wurde das Manuskript, das ja in Teheran geschrieben wurde, ein zweites Mal abgetippt und mit Hilfe von zwei Amerikanern ins Ausland gebracht, wo es dann veröffentlicht wurde.

Der Autor schreibt im Vorwort zum Roman: „Für jene, die den Iran nicht kennen, mag die Anmerkung hilfreich sein, dass es sich bei diesem Werk um keine Satire handelt.“ Das klingt sehr verbittert. Inwiefern verarbeitet Esfandiary seine eigenen Erlebnisse in diesem Roman?

F.M. Esfandiary; Foto: Flora SchnallTrojanow: Das Interessante an diesem Roman ist ja, dass er den Iran als ein Land schildert, das keiner bestimmten politischen Struktur unterliegt. Diese Geschichte spielt ja in der Zeit des Schahs, aber sie könnte auch heute spielen.

Esfandiary beschreibt Phänomene wie Bürokratie, Heuchelei, Verlogenheit und Korruption, die offensichtlich über die Jahre völlig gleich geblieben sind, egal ob vor oder nach der Islamischen Revolution. Das finde ich sehr faszinierend, weil ich mich sehr viel mit der Kulturalisierung von Problemen und Konflikten beschäftige. Ich habe oft den begründeten Verdacht, dass Probleme, die auf einer nicht-kulturellen Ebene entstehen und getragen werden, dann mit falschen kulturellen Erklärungen fehlinterpretiert werden.

Der Iran wird ja bei uns immer wieder durch eine ganz bestimmte Brille gesehen. Sehr selten lese ich, dass manche Probleme Irans mit einer verkrusteten Herrschaftselite zusammen hängen: mit einer offensichtlich imperialen Haltung der Elite, die ein Selbstbewusstsein entwickelt hat, das auf einer mehre tausend Jahre zurück liegenden Geschichte beruht – mit einer unglaublichen Korruption, die auch historisch verwurzelt ist. Das heißt, da liegen ganz tief sitzende Mentalitätsstrukturen vor, die man auf ganz anderen Ebenen diskutieren muss als nur oberflächlich zu schauen, wer jetzt gerade an der Macht ist.

Das ist das Spannende an dem Roman: Esfandiary erzählt eine Parabel, in der klar wird, dass der einzelne gegen diese Strukturen keine Chancen hat. Es wäre zu einfach, es kafkaesk zu nennen. Es ist sehr allgemeingültig menschlich. Es ist das „Ausgeworfensein“ des Einzelnen, der seinen eignen Weg geht.

Diese Romanfigur wird in dem Buch aber auch überhaupt nicht verherrlicht. Das ist ein Mann mit sehr vielen Fehlern und Schwächen. Er geht zum Beispiel zu einer Prostituierten, was in seiner moralischen Fragwürdigkeit durchaus grimmig beschrieben wird. Das heißt, er ist keineswegs eine Heldenfigur, aber man fühlt mit ihm, weil man merkt, dass der einzelne Mensch in diesen Strukturen keinen Wert und keine Würde hat.

Esfandiary starb im Jahr 2000. Er war der Überzeugung, dass es im 21. Jahrhundert eine Gesellschaft geben kann, in der politische, ethnische und nationale Unterschiede überwunden sind. Wieso schrieb er dann so einen pessimistischen Roman?

Buchcover "Der letzte Ausweis"Trojanow: Der Roman schildert ja, basierend auf eigenen Erlebnissen, die Zustände mitten im 20. Jahrhundert. Es ist ein Roman der eigentlich sehr typisch für dieses Jahrhundert ist – ein Jahrhundert, in dem kulturelle und religiöse Unterschiede politisch instrumentalisiert wurden und zu unglaublichem Leid geführt haben.

Ich denke, dass jemand, der beseelt von der Hoffnung ist, dass wir uns – aufgrund unserer Differenzen – nicht die Köpfe einschlagen sollten, dass so ein Mensch natürlich ein großes Anliegen hat, auch Lehren aus der Vergangenheit und der Geschichte zu ziehen – und all das als warnende Parabel für die Leser der Zukunft zu erzählen.

Interview: Nimet Seker

© Qantara.de 2009

F. M. Esfandiary: „Der letzte Ausweis“, übersetzt und herausgegeben von Ilija Trojanow in der Reihe „Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte“, Edition Büchergilde 2009.

Ilija Trojanow, 1965 in Sofia geboren, wuchs nach der Flucht der Familie über Jugoslawien, Italien und Deutschland in Kenia auf. Nach seinem Studium in Deutschland gründete er den Marino Verlag. Für seinen Roman „Der Weltensammler“ wurde er 2006 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. 2007 erschien „Kampfabsage: Kulturen bekämpfen sich nicht, sie fließen zusammen“. Ilija Trojanow ist Herausgeber der Reihe „Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte“.

F. M. Esfandiary, später nannte er sich FM-2030, wurde 1930 in Brüssel als Sohn eines iranischen Diplomaten geboren und wuchs u.a. in England, Iran, Afghanistan und Indien auf. Er war Olympiateilnehmer (1948 als Fechter für den Iran), Mitglied der UN-Schlichtungskommission für Palästina, Schriftsteller, Dozent, Philosoph und Futurologe. Er starb 2000 in New York.

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