Neco Celik

„Ich bin ein Integrationsverweigerer!“

Gettopump, Urban Guerillas, Schwarze Jungfrauen: So heißen einige der Film- und Theaterprojekte des türkischstämmigen Regisseurs Neco Celik. Geboren und aufgewachsen ist er in Berlin-Kreuzberg, wo er auch als Medienpädagoge im Jugend- und Kulturzentrum Naunyn Ritze arbeitet. Nimet Seker hat sich mit ihm unterhalten.

Neco Celik; Foto: Nimet SekerSie gehören zu den wenigen türkischstämmigen Regisseuren in Deutschland. Fühlen Sie sich als Türke integriert?

Neco Celik: Integriert? Dieses Wort habe ich zum ersten Mal in den 90ern gehört. Wenn man’s genau nehmen möchte: Ich bin ein Integrationsverweigerer! Keiner kann mir sagen, wie ich zu leben und zu handeln habe. Ich bestimme das, Punkt.

Drückt der Begriff Integration also aus, wie man als Deutschtürke zu leben hat?

Celik: Ich vermute, dass die Politiker selbst noch nicht einmal wissen, was sie damit sagen wollen. Bisher hat niemand gesagt: Hier endet die Integration, jetzt hast du es geschafft. Wo ist also Anfang und Ende der Integration? Das Wort kommt mir vor wie eine Seife, die immer wegrutscht. Deswegen scher‘ ich mich nicht um die Integration. Wichtig ist natürlich: Wenn man kein Deutsch kann, dann ist der Radius begrenzt in Deutschland, aber das ist doch selbstverständlich. Viele Politiker benutzen dieses Wort als Ersatz für alles Mögliche. Wenn sie sagen würden: „Ihr müsst eine andere weitere Kultur verinnerlichen, dann könnten wir darüber diskutieren. Aber sie sagen ja nichts.

Dann reden Sie also nicht mehr mit den Deutschen darüber?

Celik: Doch, ich rede schon darüber. Aber wenn Journalisten mich auf meine türkische Herkunft reduzieren wollen, dann ignoriere ich das. Man muss dem Gegenüber zeigen: Es spielt keine Rolle, woher unsere Eltern kommen, sondern was man kann ist wichtig.

Spielen Ihre Filme und Theaterinszenierungen immer in Migrantenmilieus?

Celik: Nein, das ist falsch. Ich erzähle keine Geschichten über Immigranten. Ich erzähle von Menschen, die etwas Bestimmtes erleben oder ein gewisses Problem haben und dieses lösen müssen in Deutschland. Dieses Problem hat nichts mit Integration, Immigration oder irgendwelchen anderen Kulturen zu tun. Ich würde niemals eine Immigrantengeschichte erzählen. Aber damit tun es sich einige schwer. Die sehen: Ah, da ist ein Schwarzkopf, der muss ja ein Immigrant sein. Also erzählt er nur Immigrantenstorys.

urbanguerillas_KinoplakatSie haben bisher zwei Theaterstücke von dem Autorenteam Feridun Zaimoglu/Günter Senkel inszeniert. Worum geht es in „Romeo und Julia“?

Celik: Eigentlich ist es das klassische Stück. Feridun hat nur die Capulets zu Christen gemacht und die Montagues zu Muslimen. Im Original gibt es ja keinen religiösen Konflikt: Die Familien hassen sich einfach. Hier beruht der Hass auf der Religion. Sie hassen sich, weil sie unterschiedliche Religionen haben und meinen, dass die eigene Kultur über der anderen stehen muss. Und mittendrin verlieben sich die Kinder. Da kann es ja nur brennen. Es ist sehr provokativ und so muss es auch sein. Das Publikum hat es gemocht, die Presse nicht.

Wie waren die Reaktionen auf das Stück „Schwarze Jungfrauen“?

Celik: Das war wie eine Bombe. Das hat sie überfordert, glaube ich. Das haben sie so noch nie gehört. Das ist das Besondere an Feridun. Er hat eine bildergewaltige Sprache. Er kann die deutsche Sprache so genial nutzen für seine Bilder und Geschichten. „Schwarze Jungfrauen“ war auch deshalb ein Erfolg, weil es keine einzige Betroffenheitssituation gab und die Bekenntnisse zur Individualität auf der Bühne Schocks freigesetzt haben. Das war sehr stark.

Das Stück steht ja konträr zu dem, was manche als „Kuscheldialog“ bezeichnen. Fanden es einige Zuschauer vielleicht zu provokativ?

Celik: Es gab sehr heftige Reaktionen aus dem Publikum. So etwas Fremdenfeindliches habe ich noch nie gesehen und gehört. Erst kamen Fragen wie: „Warum führt ihr so was in unseren Häusern auf?“ – Wie kommen sie darauf, dass es ihre Häuser sind, die Theaterhäuser? Das sind von uns subventionierte Häuser, von meinem und deinem Geld finanziert. Und dann: Der Gedanke, dass die Schauspieler, die die Figuren spielen, gar keine Schauspieler, sondern wirklich diese Frauen sind. Andere wiederum haben es gar nicht als Theaterstück wahrgenommen. Und so was nennt sich Bildungsbürgertum!

Gab es muslimische Frauen im Publikum?

Celik: Die konnte man leider an einer Hand abzählen. Viele gehen nicht ins Theater, das ist schade. Wieso gehen diese Menschen nicht ins Theater? Diese Kultur existiert leider nicht. Wir haben es von unseren Eltern nicht vorgelebt bekommen. Das deutsche Bildungsbürgertum geht ins Theater, als würden sie in die Kirche gehen. Bei meiner Inszenierung von „Ausgegrenzt“ von Xavier Durringer, ein Stück über die Banlieus, haben sie dumm aus der Wäsche geguckt. Die haben gar nichts begriffen. Weil es nicht ihre Welt oder Perspektive ist. Das finde ich wiederum gut. Sie treffen auf eine Ästhetik, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen haben.

Was ist Ihr nächstes Projekt?

Celik: Das wichtigste ist „Nathan Messias“ von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel. Darin wird die Geschichte von Lessing in die Gegenwart transportiert. Nathan kommt und verkündet allen drei Religionen, dass ihre Gültigkeit vorbei ist und dass sie ihm folgen müssen. Das bringt alle drei Religionen zusammen, um Nathan zu töten. Ganz Jerusalm gerät durcheinander. Feridun beschreibt eine Zeit, in der die Priester die Macht haben und noch nicht einmal an ihre eigene Religion glauben.

Warum ist man als türkischstämmiger Künstler plötzlich interessant?

Celik: Man hat das gewisse Etwas. Wir sind einfach im Vorteil gegenüber den Deutschstämmigen. Früher wurde uns eingebläut, dass unsere Herkunft ein Nachteil ist. Bis wir und sie begriffen haben, dass wir im Vorteil sind. Jetzt müssen sie mit einer anderen Kultur zurecht kommen. Ich habe von vielen Eltern gehört, dass ihre Kinder zu Hause fragen: Haben wir noch einen anderen Hintergrund? Sie sehen in der Schule, dass die anderen Kinder zwei Sprachen können und sie nicht.

Aber es gibt doch eher Probleme mit den Migrantenkindern wie das Gewaltproblem an der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln.

Celik: Zunächst einmal sind an der Rütli-Schule mehr blöde Deutsche als blöde Ausländer. Es ist doch verrückt: Unsere Unterschicht soll schlechter sein als die deutsche? Das ist doch unverschämt. Sie sagen zu uns: Warum habt Ihr keine Ärzte und Anwälte, warum seid Ihr nicht alle Akademiker? Sie sollen sich mal an ihre eigene Unterschicht wenden und fragen: Warum seid Ihr nicht alle Akademiker?

Interview: Nimet Seker

© Qantara.de 2008

Dieser Artikel entstand im Rahmen des Projekts „Meeting the Other“ mit dem Online-Magazin babelmed.net im „Europäischen Jahr des interkulturellen Dialogs“. Mehr Informationen zu diesem Projekt finden Sie hier

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