Historische Orient-Fotografie

Mit Kamel und Kamera

Jahrzehntelang lagerte im Hamburger Museum für Völkerkunde vollkommen unbeachtet eine einzigartige Sammlung von historischen Orient-Fotografien. Nun ist der Bestand von 18.000 Fotografien erschlossen und in einer öffentlichen Ausstellung zu sehen. Nimet Seker berichtet.

Kasachin mit drei Kindern in einer Jurte; Foto: Samuil DudinKaum zu glauben: Über Generationen sammelte sich im Hamburger Museum für Völkerkunde ein riesiger Bestand von historischen Fotografien aus der islamischen Welt an, der von Archivaren und Museumsfachleuten über Jahrzehnte unbeachtet blieb.

Erst 2004 begann mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius eine Gruppe von Wissenschaftlern damit, die Sammlung von 18.000 Fotografien in jahrelanger Kleinarbeit erstmals wissenschaftlich zu erschließen, zu digitalisieren und aufzuarbeiten.

Das Ergebnis findet sich heute in einem über 700 Seiten dicken, reich bebilderten Katalog, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellung „Mit Kamel und Kamera“ erschienen ist.

Die Bilder stammen hauptsächlich von europäischen Reisenden und Forschern oder wurden von lokalen Fotografen für ein europäisches und nordamerikanisches Publikum hergestellt. Dementsprechend dokumentieren sie den europäischen Blick auf das „Fremde“. Das geschieht aber in einer solchen Fülle und Bandbreite, wie in kaum einer anderen Sammlung historischer Orient-Fotografien.

Die abgebildeten Regionen reichen von Nordafrika über den Mittleren Osten bis nach Afghanistan, Kasachstan und sogar bis nach China.

Fantasien vom märchenhaften Orient

Auch die inhaltliche Bandbreite der Sammlung ist bemerkenswert: Zum einen sind darunter kommerzielle Bilder, die für ein überwiegend europäisches und nordamerikanisches Publikum im 19. Jahrhundert entstanden, dessen Fantasien vom märchenhaften Orient sich in den Bildern widerspiegelt.

Perserinnen in Straßenkleidung; Foto: unbekannt

In dieser Form der Orient-Fotografie waren Darstellungen von Orientalinnen mit erotischen Details oder von voll verschleierten Frauen mit nackten Kindern sehr beliebt. Häufig finden sich auch paradoxe Arrangements wie Frauen mit einem Gesichtsschleier, die tief in ihr Dekolletee blicken lassen.

Die Sammlung hat aber auch dokumentarische Bilder von individuellen Reisenden wie Alfred Heinicke, dem wir eindrucksvolle Fotografien aus Persien im frühen 20. Jahrhundert verdanken.

Mit der Karawane in den Hadramaut

Auf der anderen Seite sind auch Fotografien von einzigartigen Forschungs-Expeditionen in bis dahin noch wenig bekannte Regionen wie dem Jemen, Libyen und Marokko erhalten. Mit großen Karawanen zogen die Forscher durch Gebiete wie dem Hadramaut, um beispielsweise erstmals detaillierte Karten von der Region herzustellen und das Leben fotografisch zu dokumentieren.

Religiöse Feierlichkeit im Jemen; Foto: Bettina von Wissmann-RinaldiniTeile der Sammlung lassen jedoch oft regionsspezifische Fantasien der europäischen Reisenden erkennen, die von der Realität weit entfernt sind, wie viele Bilder aus dem „Heiligen Land“ oder Ägypten es deutlich machen.

Aber obwohl die Bilder nicht aus einer neutralen Perspektive entstanden sind und stets die Erwartungen und den spezifischen Blick des Fotografen verraten, transportieren sie doch innerhalb dieses Rahmens historisch wertvolle Informationen über die Regionen und das Leben der Menschen zum damaligen Zeitpunkt – Lebensformen, die mit dem Einbruch der Moderne und der Industrialisierung größtenteils erloschen sind.

Jüdisches Leben in Sanaa

Zwei der dokumentierten Forschungsreisen führten in den unbekannten Jemen: Der Geograf und Geologe Carl Rathjens interessierte sich auf seinen Expeditionen 1927 und 1938 besonders für das Leben der jüdischen Bevölkerung in der Stadt Sanaa. Seine Fotografien zeigen sehr eindrucksvoll eine Welt, die wenig später nicht mehr existierte.

Die Bilder zeigen: Zumindest äußerlich unterschieden sich die jemenitischen Juden von der arabischen Bevölkerung kaum. Rathjens dokumentierte auch schriftlich die gesellschaftliche Bedeutung der Juden und erwähnt, dass sie als Handwerker und Schmuckhersteller das wirtschaftliche Rückgrat darstellten.

Bilder aus den Weiten der Steppe

Aus Semipalatinsk, dem heutigen Grenzgebiet zwischen Kasachstan, Russland, China und der Mongolei, sind einzigartige Fotografien von Samuil M. Dudin im Museum beherbergt. Sie geben einen bemerkenswerten Einblick in das Leben der kasachischen Nomaden um 1900, das heute in dieser Form nicht mehr existiert. Dudins Bilder sind zwar dokumentarisch, doch in jeder Aufnahme wird auch der Blick des Künstlers deutlich:

Kasache und ein mit Jurte und einem kleinen Jungen beladenes Kamel; Foto: Samuil DudinDa sind großartige, melancholische Aufnahmen, die Eindruck geben von den Weiten und der Kargheit der Steppe. Dudin betont nicht das Exotische, bedient keine Klischees und kommt ohne künstliche Arrangements aus.

Die Menschen begegnen uns in alltäglichen Situationen: Frauen flechten Matten, bauen Jurten – das traditionelle Zelt der Kasachen – auf oder ab, oder reiten mit dem Pferd. Männer sind beim Gebet, musizieren, jagen oder arbeiten. Die Aufnahmen verraten eine große Vertrautheit mit der Region und den Menschen sowie eine Achtung vor dem porträtierten Volk.

Pascal Sebah: Meister von Licht und Schatten

Ein anderer großartiger und nicht unbekannter Fotograf, der in Istanbul ein berühmtes Studio betrieb, ist Pascal Sebah. Die Sebah’schen Aufnahmen dieser Sammlung sind von gewohnt brillanter Klarheit und zeigen den Drang zur ästhetischen Perfektion.

Sebah bediente mit seinen arrangierten Bildern nicht nur europäische Orientfantasien, sondern stellte durchaus auch Bilder von dokumentarischem Wert her.

Auch Bilder vom iranisch-armenischen Fotografen Antoin Sevruguin wurden in den Hamburger Beständen gefunden. Sevruguin, ein Grenzgänger zwischen den verschiedenen Welten im Persien des ausgehenden 19. Jahrhunderts, hatte beste Beziehungen und Zugang zu sämtlichen sozialen Schichten, Regionen und Ethnien des Landes.

Unter seinen eindrucksvollen, historisch hochinteressanten Bildern finden sich Fotografien von Männern bei der Opiumherstellung genauso wie vom Mörder Naser al-Din Shahs und die Beerdigung desselben Fürsten. Intim anmutende Frauenporträts überraschen mit zwanglos unverschleierten Perserinnen in ihren Häusern.

Die Hamburger Sammlung hat mit ihrem reichen Abbildungsspektrum noch vielmehr zu bieten als hier beschrieben und ist damit für alle interessant, die einen unverfälschten Einblick in eine vergangene Zeit des Orients gewinnen wollen.

Nimet Seker

© Qantara.de 2009

Die Ausstellung „Mit Kamel und Kamera. Historische Orient-Fotografie 1864-1970“ läuft noch bis zum 31. Dezember 2009 im Museum für Völkerkunde, Hamburg. Ausstellungskatalog: „Mit Kamel und Kamera“, Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde Hamburg Bd. 38, 2007. ISBN 3-9809222-8-6.

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