Hilal Sezgin: „Mihriban pfeift auf Gott“

Tölpelhafte Anti-Terrorfahndung

Der neue Roman von Hilal Sezgin beginnt mit einem fiktiven Terroranschlag in Deutschland, der nicht nur das Land, sondern auch die Heldin des Romans tief verunsichert. In einem humorvollen und leichtfüßigen Ton erzählt die deutsch-türkische Schriftstellerin und Kolumnistin vom Zusammenleben in einer nervösen Gesellschaft, die in jedem gläubigen Muslim einen potentiellen Terroristen vermutet. Nimet Seker sprach mit der Autorin.

Man möchte es sich eigentlich gar nicht vorstellen: Zur Sylvesterzeit verüben islamistische Terroristen einen Terroranschlag. Ihnen war es gelungen, den Inhalt zahlreicher Sektflaschen vor dem Verkauf zu vergiften. Neun Menschen sterben an den Folgen des Giftes, unzählige müssen medizinisch behandelt werden. Ganz Deutschland ist verunsichert und fürchtet, dass noch weitere Nahrungsmittel vergiftet sein könnten. Zum Glück spielt diese Geschichte nicht in der Realität – die Schriftstellerin und Journalistin Hilal Sezgin hat sie sich ausgedacht, um einen unterhaltsamen und klugen Roman über das deutsche Verhältnis zum Islam und seinen muslimischen Mitbürgern zu schreiben.

Die Deutsch-Türkin Mihriban Erol lebt mit ihrem Bruder Mesut und seiner Tochter Suna in Berlin-Kreuzberg. Sie hat keinen richtigen Beruf, arbeitet aber ab und zu als eine Art Mädchen für alles in einem Kinderhort. Über sich selbst sagt sie: „Ich bin Nichtskönnerin auf höchstem Niveau“. Tagesaktuelle Politik ist nicht gerade ihr Thema und mit Männern hat sie auch kaum Erfahrung, und das obwohl ihre Lippen „zum Knutschen schön“ sind.

Im Ägypten-Urlaub an Silvester treten dann aber Politik und Erotik ganz plötzlich in ihr Leben: In einer entlegenen Ecke des Hotels, so will es der Plot, knutscht Mihriban plötzlich mit einem Mann herum, den sie bis vor kurzem noch gar nicht kannte. Und dann erreichen Terrornachrichten aus Deutschland die Urlaubsregion und Mihriban ist unmittelbar betroffen: Nach dem Anschlag fragt sie sich, ob ihr Bruder – ein gläubiger Muslim – vielleicht mit den Terroristen sympathisiert.

Religion als Dekoration

Für Mihriban war bis dahin Religion einfach nur Aberglaube, und Gott „eine Art Deko, eine bunte Schleife, mit der man Kindern erklärt, wo die Weihnachtsgeschenke herkommen“. In ihrem Bruder Mesut sah sie bisher immer einen überkorrekten und anständigen „Supermuslim“. So treffen in Mihriban und ihrem Bruder Mesut zwei scheinbar unterschiedliche Weltsichten aufeinander, wie die Autorin erklärt:

„Mihriban ist schon bevor es zu diesem Terroranschlag kommt, nicht so angetan von Mesuts religiöser Entwicklung. Sie beide sind eigentlich areligiös aufgewachsen, das ist ja unter türkischstämmigen Menschen durchaus verbreitet. Und als er dann später anfängt sich mit der Religion zu befreunden, ist ihr das nicht so geheuer. Sie findet Religion entweder überflüssig oder sogar schädlich.“

Wieder zurück in Berlin findet Mihriban dann in der Urlaubskamera des Bruders etwas, das sie nervös macht: Ein Film über die Produktion von Sekt in einer Fabrik. Gibt es einen Zusammenhang zwischen ihm und dem Anschlag, ist ihr Bruder vielleicht sogar mehr als nur ein Sympathisant?

Tölpelhafte Anti-Terrorfahndung

An dieser Stelle gewinnt die Geschichte an Geschwindigkeit und Spannung – Mihriban versucht herauszufinden, ob ihr Bruder tatsächlich an dem Anschlag beteiligt war, ob das Unmögliche wirklich geworden ist. Mihriban wird zur Anti-Terrorfahnderin in der eigenen Familie und erlebt dabei detektivische Abenteuer – hier kommen schelmenhafte Elemente in die Erzählung.

„Es ist ein Schelmenroman insofern als es letztlich um eine politische Geschichte geht, auch eine politisch recht verzwickte Geschichte, die aber von einer Heldin geschildert und erlebt wird, die nicht so wahnsinnig politisch interessiert, nicht so wahnsinnig schlau ist“, sagt Sezgin im Interview mit Qantara.de.

Mihriban kommt bei ihren teils tölpelhaften, teils heiklen Recherchen mit Dingen in Berührung, von denen sie eigentlich gar keine Ahnung hat, wie beispielsweise dem Bundestrojaner und dem Verfassungsschutz. Sezgin spielt dabei geschickt mit dem Topos sämtlicher Geheimdienst-Storys: der Täuschung.

Aber nicht nur die Geheimdienste greifen auf die Technik der Täuschung zurück. Als Mihriban einen Nachrichtenbeitrag hört, erklärt darin ein Reporter aus einem arabischen Land, dass Muslime sich der so genannten „Takiya“ bedienen, einer Art Verstellung, damit sie als Minderheit in einem feindlichen Umfeld überleben können. Für Mihriban wird Takiya schnell zu einer Art Synonym für Terror und Hinterhältigkeit. Und das, obwohl dieser Begriff eigentlich etwas ganz anderes bedeutet, wie die Autorin durchblicken lässt.

Auch wenn Sezgin mit ihrem Roman keine eindeutige Medienkritik vornimmt, so entgeht dem aufmerksamen Leser doch nicht, dass die vermeintlich aufklärende Medienberichterstattung zum Islam nicht gerade zur Bildung der Heldin beiträgt.

Versöhnliche Wendung

Bei all dem Witz und dem leichtfüßigen Erzählton lässt Sezgin also auch gesellschaftskritische Aspekte anklingen. Und obwohl der Roman die Atmosphäre der terroristischen Bedrohung schildert, nimmt die Geschichte zum Schluss doch eine versöhnliche Wendung. Insgesamt liest sich das Buch wie einer der Beiträge, die die muslimische Autorin regelmäßig zur Islamdebatte in deutschen Zeitungen schreibt und die sie durchaus kritisch sieht:

„Der Islam wird in Deutschland eigentlich oft als Quelle von Problemen angesehen. Die Muslime sind ständig damit beschäftigt, zu erklären, dass sie nicht so sind, wie die Medien sie darstellen“, meint Sezgin. „Die vorrangige Sicht auf den Islam als eine potentielle Gefahrenquelle – für was auch immer – die ist falsch. Leider ist sie sehr verbreitet und das muss sich ändern.“

„Mihriban pfeift auf Gott“ ist ein nachdenklicher und unterhaltsamer Appell für mehr Sensibilität und weniger Verspanntheit im deutsch-muslimischen Zusammenleben. Ein großartiger, spannender und politischer Roman, der zum Schmunzeln und Lachen anregt.

Nimet Seker

© Qantara.de 2010

Hilal Sezgin: „Mihriban pfeift auf Gott. Ein deutsch-türkischer Schelmenroman.“ Dumont 2010, 320 Seiten.

Redaktion: Lewis Gropp/Qantara.de

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