Der Prophet mit portugiesischem Hut

Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne

Was hat eine Zeichnung von Rebecca Horn mit einer persischen Miniatur aus dem 16. Jahrhundert, eine Installation von Mona Hatoum mit einem Wasserkrug aus geschnittenem Bergkristall aus dem 12. Jahrhundert und ein Picasso mit der goldenen Schrift eines andalusischen Koranmanuskripts gemeinsam? Kann man zeitgenössische Kunst von internationalen Künstlern überhaupt in Bezug zu einer islamisch geprägten Kunst setzen?

Wer glaubt, dass eine »moderne« und eine »islamische«, sprich religiös geprägte Kunst keinen gemeinsamen Nenner haben können, da es sich bei diesen beiden Begriffen um grundsätzlich konträre Welten handelt, der sollte die Ausstellung »Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne« im Berliner Martin-Gropius-Bau besuchen. Es geht dabei nicht um eine Konfrontation von religiöser und säkularer, sprich, moderner Kunst. Vielmehr wird klar, dass die Werke osmanischer, persischer, arabischer und indo-islamischer Provenienz sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen, wie zeitgenössische Künstler es tun, die hier mit fünfzig Gegenwartskünstlern aus Iran, Ägypten, Palästina, Deutschland, China, Libanon und weiteren Ländern vertreten sind.

Picasso und der Koran

»Man kommt aus dieser Ausstellung und hat keine Seiten mehr«, erklärt die Kuratorin Almut Bruckstein Coruh, »kein rechts und links, kein Ost und West, und ja: noch nicht einmal klassisch und zeitgenössisch.« Will heißen, es gibt keine Chronologie und keine Hierarchie. Es geht auch nicht darum, wie zeitgenössische Künstler wie Parastou Forouhar, Murat Morova, Taysir Batniji und Nalini Malani ihre islamischen Wurzeln bearbeiten. Vielmehr rückt die Kuratorin die islamischen Werke in die Gegenwart und inszeniert eine sinnliche und intellektuelle Begegnung auf Augenhöhe.

Am Anfang ist der Koran. Im ersten der achtzehn thematisch angelegten Räume wird man von mehreren seltenen Koran-Manuskripten empfangen. Gleich nebenan umgibt den Besucher eine riesige Wand von einem golden leuchtenden andalusischen Koranmanuskript. Dazu Picassos rote Übermalungen eines handschriftlichen Gedichtzyklus’ von Pierre Reverdys »Le chant des morts«: Picasso interveniert mit roter Farbe in Reverdys Manuskript und setzt rhythmische Akzente in Form von Linie und Punkten, Pause und Nachdruck hinein. Im Hintergrund ertönen Koran-Gesänge, die die Botschaft der Schrift in einem körperlichen Akt realisieren. »Qur’an« bedeutet auf Arabisch »das zu Rezitierende« und die erste Offenbarung an Mohammad lautete »Iqra’! – Lies! Rezitiere!« Der Koran ist ein Text, der gesungen und rezitiert werden will. Dazu ein Zitat von Goethe: »Nur nicht lesen, immer singen!«

Was vielleicht zunächst wie eine Assemblage nach rein ästhetischen Kriterien wirkt, entpuppt sich beim genaueren Hinschauen als ein fein ausgearbeitetes System von Referenzen: Die Werke verweisen aufeinander und erklären sich dabei gegenseitig. Die Kombination des Heiligen Buches mit einem Picasso – eine Provokation? »Hätte ich gewusst, dass es eine islamische Kalligrafie gibt, hätte ich niemals angefangen zu malen.« Dieses Zitat von Picasso begegnet uns im nächsten Raum: So gehen die Räume ineinander über, stehen aber auch jeder für sich allein, wie eine Art Mikro-Kosmos. Es ist gleich, mit welchem Raum man beginnt; es gibt kein Anfang und kein Ende, die Mitte ist überall. Die Themen sind nicht scharf umrissen, die Bezüge weisen sich auf.

Im Raum »Light Sentence« überragt die gleichnamige Installation von Mona Hatoum den Eingangsbereich: Quadratische Gitterkäfige aus Draht wirken bedrohlich, streng, aber zugleich durchlässig. Sie erinnern an die Albträume von Guantanamo-Häftlingen, die von tagelanger Licht-Folter, Schlaflosigkeit und der erdrückenden Enge ihrer Käfig-Gefängnisse berichten. Hier wird das Ornament weniger als dekorative Verschönerung verstanden, sondern geometrische Strukturen und symmetrische Ordnung verweisen auf Erfahrungen von Klaustrophobie, Enge und Gewalt.

Der Idee, dass der Islam figurative Darstellungen streng verbiete, stellt die Ausstellung zahlreiche Miniaturen mit Darstellungen aus den klassischen persischen Liebesgeschichten entgegen. Doch der Kuratorin geht es hier nicht um die »völlig polemische Frage nach dem so genannten Bilderverbot«, sondern um die Begegnungen von Dichtung und Malerei über poetische Metaphern. Die Miniaturen beziehen sich auf die visuelle Vorstellungskraft der Dichtung: Auf einer Miniatur betrachtet Schirin das Porträt ihres geliebten Chosrou, umgekehrt tut Chosrou dasselbe auf einer anderen Miniatur. Die Porträts von Chosrou und Schirin sind innerhalb der Miniaturen deutlich erkennbar. Überhaupt scheint das Motiv des Bildnisses im Bild ein wiederkehrendes in den persischen Miniaturen zu sein.

Im Raum »Prophet und Porträt« zeigen verschiedene Miniaturen den Propheten mit verhülltem und unverhülltem Gesicht: Auf einer indischen Miniatur aus dem 18. Jahrhundert trägt er einen Hut nach portugiesischer Mode. Da stellt sich die Frage nach Moderne und Globalisierung noch einmal neu. Die Kuratorin erklärt, warum islamisch geprägte Kulturen zwar figurative, aber keine naturalistischen Abbildungen kennen: »In den Miniaturen agiert die Metapher als Barriere für den direkten, nackten Zugriff auf das menschliche Modell. Auch in Texten von muslimischen Denkern wie al-Ghazali, Averroes und Ibn Arabi äußert sich eine Kritik an der naturalistischen Malerei.« Eine Kritik, die die Selbstreflexion der europäischen Malerei der Moderne bis heute bestimmt.

Im Zusammenspiel mit den Werken aus der internationalen Kunstszene wirken die islamischen Exponate plötzlich zeitlos: Die Werke kommunizieren und erklären einander. Islamisches Bildverständnis zielt ins Abstrakte. Plötzlich lässt sich modernes Denken und Modernität auch aus islamisch geprägten Werken ableiten. Und spätestens hier wird klar, dass es eine »islamische« Kunst nicht gibt, denn diese Werke leiten ihre Doktrin nicht aus religiösen Fragestellungen ab. Bruckstein entzieht durch ihre Methode des kuratorischen Arbeitens jeglichem Kategoriedenken den Boden: Die Objekte werden nicht den Kontexten von historischen Epochen oder formalen Kategorien und damit Begriffen zugeordnet, die von der europäischen Orientalistik konstruiert wurden.

Moderne Fragen in islamischen Kunstwerken

So manch einer mag darin eine Gratwanderung oder gar einen »Gewaltakt« an den Objekten sehen. Dazu erklärt die Kuratorin: »Das Spannende ist ja, dass meine Methode des kuratorischen Arbeitens dem Prinzip des Zitats entspricht. Und das Zitat ist doch genau das, was eine traditionelle Lektüre der Dinge tut. Die allerkonservativsten Überlieferungsformen, wie ein Hadith oder ein Midrasch, bedienen sich des Zitats.« Der philosophisch-dekonstruktivistische Ansatz Brucksteins gibt der gesamten Ausstellung aber auch eine politische Farbe. Es gibt kein »hier« und »dort« mehr, kein »wir« und »ihr«.

»Für die westliche Orientalistik gibt es nur eine Ordnung, und das ist die kulturelle Andersartigkeit, darauf beruhen ihre Kategorien. Diese von Europa aus historisch konstruierten Ordnungen sind so selbstverständlich, dass sie sich selbst nicht mehr reflektieren. Und die Geste des Zitats untergräbt diese Denkkategorien«, resümiert Bruckstein Coruh. »Deswegen ist diese Ausstellung auch nicht ein Dialog zwischen den Kulturen, denn der Dialog setzt zwei gegensätzlich geprägte kollektive Seiten voraus.«

Nimet Seker

Copyright © 2010 zenithonline

Dieser Artikel ist erschienen auf Zenith Online.

Lesen Sie hier ein Interview mit der Kuratorin Almut Sh. Bruckstein Çoruh.

Bilderverbot im Islam: Widersprüchliche Ansichten

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