Horizonte 3: Geld

13/01/2013 § Hinterlasse einen Kommentar

Horizonte_3_Cover_WebEs gibt Grundfragen unserer Zeit, von der jeder betroffen ist, und für die es keinen Unterschied macht, ob man muslimisch, christlich, areligiös, atheistisch oder welcher ethnischen Herkunft man ist. Dazu gehört der gegenwärtige Zustand unserer Wirtschafts- und Finanzordnung. Die Finanzkrise betrifft Muslime aber auch aus einem anderen Grund: In unserer islamischen Tradition ist die Ökonomie kein marginales Thema; in den Werken des klassischen Islamischen Rechts etwa hat das gerechte Wirtschaften immer einen großen Raum eingenommen. Die gegenwärtige Währungs- und Schuldenkrise fordert uns Muslime heraus, uns über Probleme der Zeit, die über glaubenspraktische und metaphysische Fragen hinausgehen, Gedanken zu machen. Alltägliche Dinge wie die Frage des Gelds und des Wirtschaftens dominieren unser Leben stärker als etwa Fragen der Spiritualität. Doch auch unsere Glaubenslehre fordert uns dazu auf, sich mit den Implikationen von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit in unserem ökonomischen Handeln zu beschäftigen. Nicht umsonst ist die Zakat eine der Grundsäulen des Islam. Wer macht sich heute noch Gedanken darüber, wie die Zakat korrekt durchgeführt wird? Hieran zeigt sich, dass sich das muslimische ökonomische Denken in der Moderne eingeschrumpft ist. Aufgrund der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrhunderte ist das Bewusstsein für ökonomische Grundfragen in weiten Teilen der islamischen Welt schlichtweg verloren gegangen. Deswegen beschäftigt sich diese Ausgabe der HORIZONTE mit Geld. Ich frage mich: Gibt es heute überhaupt so etwas wie eine islamische Ökonomie? Und was ist überhaupt Geld? Steht das Prinzip des Geldes nicht eigentlich konträr zu unseren Glaubensüberzeugungen? Da doch das Schaffen von Geld aus dem Nichts mit dem Anhäufen von Schulden verbunden ist. Geld und Wirtschaften haben nicht nur eine individuelle, sondern stets auch eine gemeinschaftliche Dimension. Islamisch gesprochen ist jedes Handeln des Menschen im Diesseits, und dazu gehört auch wirtschaftliches Handeln mit all seinen Konsequenzen, mit einer Belohnung oder Bestrafung im Jenseits verbunden. Wirtschaftliches Handeln ist mit einer religiösen Verantwortung verbunden. Sich dieser Frage zu verschließen bedeutet letztlich, sich der Verantwortung zu verweigern. Die Frage der ökonomischen Ordnung ist aber auch für die Gesamtgesellschaft von Relevanz. Interessanterweise kommt ein David Graber, der als Vordenker der Occupy-Bewegung gilt und sich in seinem Buch mit einer (historischen) islamischen Wirtschaftsordnung beschäftigt, darauf zu sprechen, dass im islamischen Marktwesen eher einen freien Markt realisiert ist als in der sogenannten „freien Marktwirtschaft“. Diese ist in unserer Zeit lediglich zu einer ideologischen Parole geworden. Es ist ein David Graeber und kein Tariq Ramadan, der der Weltöffentlichkeit Antworten auf die aktuelle Krise bietet. Muslime sollten aus ihrem Schlaf aufwachen. Und sich endlich jenseits der üblichen Trampelpfade der Islamdebatten bewegen.

Nimet Seker, Herausgeberin

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